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Die Vertretung der Arbeiter, Angestellten und Beamten in den Groß- und Mittelbetrieben

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Die Vertretung der Arbeiter, Angestellten und Beamten in den Groß- und Mittelbetrieben1

1. Die kapitalistische Kritik

Die Leser meiner Artikel haben sich wohl schon davon überzeugen können, daß die Personalvertretung in den kapitalistischen und öffentlichen Betrieben von Industrie, Handel und Finanz mir ganz besonders am Herzen liegt.

Schon vor Jahrzehnten war ich mir bewußt geworden, daß, wenn die Arbeiter, Angestellten und Beamten je im Stande sein sollen, die Leitung der Produktion an sich zu ziehen, es in jedem Lande einen Kern von praktisch erfahrenen Genossen geben muß, welche in jeder Industrie- und Handelsbranche sich allmählich zu Leitungsexperten haben ausbilden können.

Die traurigen Erfahrungen in Italien mit der sogenannten „Besetzung der Fabriken“, nach der die fascistische Reaktion als natürliche Folge kam, erklären sich, meines Erachtens, im Grunde dadurch, daß die italienischen Arbeiter, technisch gesprochen, einfach nicht im Stande waren, die besetzten Unternehmungen zu leiten.

In meiner „Théorie du capital et du Profit“ (Band II, Chap. XXXIX, S. 617) kam ich zu dem folgenden Schluß: „Solange die Arbeiterklassen nicht dazu gelangen, diese Kompetenzen hervorzubringen, werden sie gewiß unter der Herrschaft entweder einer speziellen Kapitalistenklasse, oder auch von Staatsbeamten bleiben. Der Unterschied zwischen den beiden Herrschaftsformen (Staats- oder Privatherrschaft) wird nicht bedeutend sein.“

Ich werfe hier vor allem die Hauptfrage auf, bevor ich dazu komme, auseinander zu setzen, daß ich alle Einwürfe, sowohl von kapitalistischer Seite als auch von Seiten der „altmodischen“ Gewerkschaftler und auch von gewissen individualistischen Anarchisten, vollständig kenne.

Nehmen wir jetzt erstens die kapitalistische Kritik vor. Ich glaube, die beiden Standpunkte — kapitalistische und proletarische Auffassung — nicht besser charakterisieren zu können als durch eine Diskussion, welche ich während des Weltkrieges mit einem jungen Industriellen (einem Reservekapitän) hatte, der beauftragt war, die Statistik aller vom französischen Staat mit den Munitionsfabriken geschlossenen Verträge und Aufträge auszuarbeiten. Der Munitionsminister, Albert Thomas, hatte Arbeitervertreter in den Munitionsfabriken eingeführt, und dieser Kapitän meinte nun, diese „Neuigkeit“ sei einfach „Blödsinn“, „ein sozialistisches Paradepferd“.

Der Einfluß dieser Arbeitervertreter ist gewiß nicht berühmt, antwortete ich, allein das kommt vielleicht daher, daß die sogenannte Vertretung eigentlich nur eine Karikatur ist. Jene Vertreter können nicht in den Produktionsprozeß eingreifen; sie haben nicht das Recht, die Bücher der Unternehmungen zu prüfen oder im Betriebsrat mit gleichen Rechten wie die Vertreter der Aktionär-Sitzung teilzunehmen; oder auch an der Ausarbeitung der Bilanz ihrer Unternehmung mitzuwirken usw.

Das würde noch schöner sein, meinte er. Aber was können wohl die Arbeiter von der Leitung einer industriellen Unternehmung wissen?

Vielleicht heute noch nicht viel; das kann aber besser werden. Und ich gab dem Herrn Kapitän dieselbe Antwort, die ich einst Prof. Werner Sombart aus Berlin gab: „Was wissen denn aber Ihre Aktionäre von der technischen Leitung der Betriebe, in die sie ihr Geld gesteckt? Die wissen vielleicht nicht einmal, wo die Eisengießerei oder das Bergwerk, deren Aktien sie besitzen, eigentlich liegt! Ihre Vertreter müssen die technischen Betriebsleiter gegen hohe Marktpreise kaufen. Das können aber sämtliche Arbeiter, Ingenieure und Chemiker usw. auch tun, solange sie nicht selbst die nötigen Betriebskräfte liefern können.

Sprechen wir nun nicht über die Zukunft. Was können aber heute die sämtlichen Arbeiter einer Unternehmung von deren technischer und finanzieller Leitung wissen? In wiefern könnten sie der Unternehmung nützlich sein?

Jedenfalls und unbedingt in allen Fragen, welche direkt die Organisation der Arbeit betreffen, wie zum Beispiel die zu realisierenden Besparungen von Roh- und Hilfsmaterial, Verbesserung der Arbeitsgliederung, von Maschinen und Werkzeugen. Jetzt schon gibt es, besonders in Amerika, gescheite Geschäftsliter, welche Prämien versprechen für jede Erfindung oder jede technische Verbesserung, die von Arbeitern ihrer Unternehmung vorgeschlagen wird. Weiter können auch die Arbeiter besser als andere die hygienischen Zustände in ihrem Betrieb beurteilen.

Das sind alles Nebensachen.

Bitte, das sind in einer modernen Unternehmung eben keine Nebensachen, sondern vielmehr sehr wichtige Produktionsfaktoren. Was nun aber die Hauptleitung der industriellen, Handels- und Finanz-Unternehmungen betrifft, gebe ich nicht nur zu, daß erst nach einer ganzen Generation die Massen der Arbeiter, Angestellten und Beamten genügend Erfahrung besitzen können, um eine bedeutende Anzahl tüchtiger Betriebsleiter zu liefern, sondern ich will Ihnen sogar entgegenkommen: Setzen wir den Fall einer Unternehmung in einer der wenigst entwickelten Industrien, einer Ziegelei zum Beispiel, mit viel ungelernten Arbeitern, Frauen und jungen Leuten. Da gibt es auf ein Personal von zwei oder drei hundert Arbeitern und Arbeiterinnen vielleicht nur zwei oder drei junge Männer von Talent, die zwar lesen und schreiben können und die Arbeiterversammlungen besucht haben, jedoch ganz und gar ohnmächtig sind, um technisch und praktisch mit der Betriebsdirektion zusammen arbeiten zu können.

Jetzt wird es mehr und mehr das wirkliche Leben.

Jawohl, wenn nun aber diese jungen Männer, von ihren Kollegen als Arbeiterdelegierte gewählt, nur gescheit genug sind, um regelmäßig die Formulare auszufüllen, die sie vom Gewerkschaftsvorstand ihrer Industrie erhalten, dann ist schon das größte Übel überwunden.

Wie meinen Sie das?

Am Zentralvorstand der Industrie der Steine und Erden können sich gebildete Techniker befinden, die Fragen stellen wie die folgende:

Von woher bezieht ihr eure Maschinen und weiteres Produktionsmaterial? (Angeben, wann gekauft und wieviel abgeschrieben.)

Wieviel Steine, Ziegel usw. wurden während der letzten drei Monate produziert und in wieviel Zeit? (Arbeitsstunden pro Tag und pro Woche, wieviel Arbeiter und Arbeiterinnen? Dieselben spezialisieren.)

Über welches Transportmaterial verfügt eure Unternehmung und welche Abnehmer hat sie?

Sie sind aber verrückt, mein Herr.

Nein, ich bin nicht so verrückt, wie Sie wohl denken, mon Capitaine. Denn schon nach zwei oder drei Monaten würde es dann möglich sein, daß unsere Arbeiterdelegierten sich beim Direktor ihrer Ziegelei anmelden und ihm sagen: „Nach einem Schreiben, das wir vom Arbeitervorstand unserer Industrie erhalten, haben wir in unserer Ziegelei die höchsten Transportkosten für Steine und Ziegel in der ganzen Gegend. Unser ganzes Transportsystem muß unbedingt modernisiert werden . . .

Aber noch einmal, Sie sind verrückt. Das sind alles Berufsgeheimnisse der Industrie. Die Konkurrenz . . .

Hören Sie, einmal, Herr Kapitän, Berufsgeheimnisse hat es schon lange genug gegeben. Das muß Alles aus sein. Schon zu lange war die Produktion ein privates Jagdterrain für Profitmacher. Die Produktion interessiert uns Alle und ist nicht nur eure Sache; wir haben Alle Interesse dabei, zu wissen, daß wir keine verfälschten Lebensmittel oder Schundware kaufen, daß die Qualität aller Güter tadellos ist. Die Produktion soll wie ein gläsernes Haus sein, wo Jeder einblicken kann und an welchem Kritik zu üben, Jedem erlaubt ist . . . — Ich konnte nicht fortfahren. Der Kapitän schrie:

Mit Ihnen rede ich nicht weiter. Das ist ja die reine Revolution, welche Sie predigen. Wenn die Sachen sich so abwickeln sollten, da hätten wir nach zwanzig Jahren nichts mehr zu beschließen in unseren eigenen Unternehmungen!

Es ist möglich, daß Sie nach zwanzig Jahren in Ihrer eigenen Unternehmung nichts mehr zu befehlen haben, würde das aber ungerecht oder gerecht sein? Das ist eben die Frage. Die Arbeit des Menschen kann doch nicht immer eine Handelsware bleiben, die man kauft, wie man es mit einer Maschine oder einer Tonne Stahl tut? . . .

Mein Kapitän hörte nicht weiter zu. Er hatte schon den Türgriff in der Hand. —

2. Die Kritik der „altmodischen“ Gewerkschaftler

Nicht nur mit Kapitalisten und Vertretern der Privatindustrien hatte ich Gelegenheit, Nutzen und Notwendigkeit der Personalvertretung in den industriellen, Handels- und Finanz-Unternehmungen zu diskutieren, sondern auch mit vielen alten Gewerkschaftlern, und hier wie dort fand ich eine überaus feindliche Stimmung gegen meine Thesen, wenigstens in der Form, worin ich sie notwendigerweise vortragen mußte.

Kurz nach dem Kriege kam ein deutscher Sozialdemokrat nach Paris, um die Errungenschaften seiner Gesinnungsgenossen und der „Betriebsräte“ (Gesetz vom 18. Januar 1920) vor einem ausgewählten Publikum von Vorstandsmitgliedern des französischen reformistischen Gewerkschaftsbundes (C.G.T.) auseinander zu setzen. Man kannte meine Gesinnung der deutschen Sozialdemokratie gegenüber, und ich wurde also „aufgefordert“, anwesend zu sein und meine Stellungnahme zu verteidigen.

Das tat ich denn auch, und ich behauptete, daß die obengenannten deutschen „Betriebsräte“ ebensowenig die Arbeiter wie die Unternehmer befriedigen, und daß dies, vom Arbeiterstandpunkt aus gesehen, auch nicht anders möglich sei. Erlaubt doch die neue Gesetzgebung den deutschen Arbeitern wohl, an der Ausarbeitung der Arbeitsreglements, dem sie unterworfen sind, durch ihre Vertreter mitzuwirken, während diese Vertreter nicht das Recht erlangen, auf irgendwelche Weise in die Betriebsleitung ihrer Unternehmung sich einzumischen. Kein Recht, die Bücher zu kontrollieren; kein Recht, an der Feststellung der Bilanz sich zu beteiligen usw. Und auch hier kam ich zu dem Schluß, daß es sich Alles im Allem nur um eine Karikatur einer wirklichen Arbeiterbeteiligung an der Produktion und der Distribution handele.

Als zweiter Debatteredner trat einer der bekanntesten Führer der alten französischen Gewerkschaftsbewegung auf. Zu meinem Erstaunen aber diskutierte er nicht über die Rede des Referenten, sondern griff noch an: Meine Propaganda für die Einrichtung von Fabrik- und Werkstattdelegierten der Arbeiter sei „perfid“ und diene nur dazu, um Spaltung in die Gewerkschaften zu bringen. In gewissen französischen Industrien, wie die Metallurgie zum Beispiel, habe man mit diesen Fabrikdelegierten die unglücklichsten Erfahrungen gemacht, weil dieselben sich das Recht anmaßten, zum Beispiel Streiks zu dekretieren oder zu beenden, ohne dazu die Genehmigung der Gewerkschaft zu erbitten. Das Prinzip der Fabrik- und Werkstattdelegierten, wie Cornelissen es auffaßt, könnte nur von den freiorganisierten Arbeitern akzeptiert werden unter der Leitung und der Verantwortlichkeit der großen Gewerkschaften usw.

Auf diesen grundsätzlichen Angriff erwiderte ich, daß die sogenannten „frei“ oder „modern“ organisierten großen Gewerkschaften absolut ungeeignet seien, um die Leitung und Verantwortlichkeit für die Einmischung der Arbeiter in die technische Direktion ihrer Betriebe auf sich zu nehmen. Sie sind ihrer Theorie und Struktur nach Kampforganisationen, auf die Durchführung von Lohnbewegungen, Streiks usw. eingerichtet (aber auch das sind sie infolge ihrer Anpassung an die gegenwärtige Ordnung nicht mehr; ihren „Kampf“ führen sie immer mehr auf Seiten der Unternehmerklasse, gegen die Arbeiter); sie sind aber keinesfalls Produktionsorganisationen. Sie selbst, Genosse X., sie sind nicht als Sekretär ihrer Gewerkschaftszentrale gewählt, weil Sie besondere technische Fähigkeiten besitzen, sondern weil Sie als Führer bei Streiks, Redner in öffentlichen Versammlungen, Redakteur der Zeitung usw. Ihre Proben bestanden haben. Vergessen Sie aber nicht, Genosse X., daß wir Alle, Sie wie ich, schon vor Jahren immer behauptet haben, daß in revolutionären Zeiten die Kampfesorganisationen der Arbeiter sich in Produktionsorganisationen umzuwandeln haben. Diese Umwandlung nun kann nur mittels der Fabrik- und Werkstattdelegierten realisiert werden, weil über die technische Leitung nur in den Unternehmen selbst die nötigen Beschlüsse gefaßt werden können. Natürlich ist, daß es im Anfang zwischen diesen neuen Arbeiterorganisationen und den Gewerkschaften zu Reibereien kommen kann; dann aber wird es Ihre Sache als Gewerkschaftsvorstand sein, nicht die neuen Organisationen zu unterdrücken, sondern sich mit ihren Vertretern zu verständigen und dazu zu kommen, die beiderseitigen Rechte und Pflichten scharf und genau abzugrenzen.

Natürlich haben wir, das Vorstandsmitglied einer alten, reformistischen Gewerkschaftszentrale und ich, uns nicht gegenseitig überzeugen können. Auch bei vielen anderen Gelegenheiten habe ich beobachten können, daß die alten Gewerkschaftsführer, ganz wie die Führer der sozialdemokratischen Parteien, viel zu tief in den Geleisen ihrer Alltagsgewohnheiten und ihrer Berufsroutine festgehalten werden, um am allmählichen Ausbau einer Arbeiterorganisation für die technische Leitung der industriellen, Handels- und Finanz-Betriebe sowie der öffentlichen Anstalten wirksam Anteil nehmen zu können.

Die technische Leitung der Betriebe muß und soll deshalb überall von den revolutionären Arbeiter-Syndikaten geschaffen werden.

3. Die Einwürfe der individualistischen Anarchisten. Die Sorge der Syndikalisten

Die alten Gewerkschaftler erklären sich nicht prinzipiell dagegen, daß in allen industriellen, kommerziellen, finanziellen und landwirtschaftlichen Groß- und Mittelunternehmungen den Vertretern des Personals der ihm gebührende Platz eingeräumt wird. Sie verlangen nur, daß diese Vertretung den jetzt schon bestehenden Arbeiterorganisierungen, d. h. den Gewerkschaftsvorständen untergeordnet sei.

Ist es aber möglich, daß sich in den Arbeiterkreisen selbst auch eine prinzipielle Opposition gegen eine solche Arbeitervertretung geltend macht?

Indirekt sind wir einer solchen Opposition mehrmals in der Diskussion begegnet, und dies wohl von Seiten der mehr oder weniger ausgesprochen individualistischen Anarchisten.

Der erste, ganz allgemeine Einwurf, den ich hörte, war dieser, daß eine Maßnahme wie die der Fabrik- und Werkstattdelegierten nur gesetzlich möglich sei und die Anarchisten sich gegen jede gesetzliche Reform erklären.

Das kann doch hier gleichgültig sein, meinte ich. Wir können doch die Einführung der Fabrik- und Werkstattvertretungen durch das, was wir die „direkte Aktion“ nennen, erstreben. Kommen dann später die sozialdemokratischen Gewerkschaftler, um die gesetzliche Regelung und Verallgemeinerung einer solchen Einstellung durchführen, da werden wir uns doch nicht gegen ein Gesetz erklären, trotzdem es den Arbeitern günstig ist und nur, weil es ein Gesetz ist. Da müßten wir schon toll sein!

Es handelt sich aber hier nur noch um einen Einwurf untergeordneten Ranges. Von den mehr ausgesprochenen Individualisten habe ich bei meiner Propaganda Anderes gehört.

Glaubst Du, sagte mir ein junger Arbeiter, daß ich mitarbeiten will, um mir morgen neue Meister zu schaffen, und dies noch aus unseren eigenen Reihen? Wenn jetzt der Krauter oder der Werkmeister mir nicht gefällt oder ich ihm nicht, da schelte ich ihn „Esel“ und er mich „Lump“; ich werde dazu gezwungen zu gehen oder packe freiwillig meine Gerätschaften zusammen und suche mir irgendwo anders Arbeit. Was würde das aber werden, wenn ich in der Zukunft überall auf Mitarbeiter, auf sogenannte Arbeitervertreter, in der Verwaltung stoßen würde, in Vereinen organisierte Mitarbeiter, die mir den Übergang von der einen Werkstatt zu einer anderen erschweren könnten? Jetzt haben wir schon in den Gewerkschaftssekretären der größeren Organisationen neue Meister gefunden; man fängt mich aber nicht ein zweites Mal. Ich will frei und unabhängig sein.

Wenn man fünfundzwanzig Jahre ist, wie Du, antwortete ich ihm, da hat man leicht reden: der schwerste Anfang ist vorbei. Wenn Du aber fünfundvierzig Jahre alt sein und Frau und Kinder haben wirst, wirst Du dann noch so reden? Oder wirst Du schon froh sein, wenn der Werkmeister Dich aufs Pilaster zu werfen droht, daß Du wenigstens bei den Vertretern des Personals Rat und Hilfe findest?

Die werden mir nicht helfen, sondern wohl schon auf die Seite des Unternehmers sich stellen. Ich würde nur doppelte Meister haben.

Schließlich heißt das Alles, sagte ich, daß Du der Feudalwirtschaft des Kapitalisten vor der Bestimmung der Massenherrschaft den Vorzug gibst. (Es wäre noch darauf hinzuweisen, daß heute — 1930 — die oben vom Autor zitierte zigeunerisch-individualistische Handwerksburschenmentalität auch rein ökonomisch schon unmöglich und sinnlos geworden ist, nämlich infolge der Arbeitslosigkeit; mehr denn je muß die Arbeiterschaft praktisch, organisatorisch und positiv revolutionär denken lernen! D. Red.)

Ja, ich bin Anti-Demokrat.

Ein kommunistischer Anarchist kann aber kein Anti-Demokrat in diesem Sinne sein, weil auch er der Anordnung der Gesellschaft von unten nach oben, anstatt wie jetzt, von oben nach unten, nachstrebt. Wie Du redest, kann es nur ein hartnäckiger Individualist tun, ein Mensch, der, solange als es ihm gut geht im Leben, nur an sich selbst denkt.

*

Die kommunistischen Anarchisten und die revolutionären Syndikalisten machen natürlich gegen Arbeitervertreter in Fabriken und Werkstätten keine prinzipiellen Einwürfe. Wohl aber habe ich mehrmals die Furcht zum Ausdruck kommen hören, solche Vertretungen könnten schließlich ganz in die Hände der Vorstände der alten, konservativen Gewerkschaften fallen: „Schen wir nur, wie es in Deutschland mit den Arbeiterräten gegangen ist.“

Meiner Ansicht nach würden die Arbeitermassen es nur sich selbst zuzuschreiben haben, wenn schließlich eine gute revolutionäre Maßnahme wie die der Fabrik- und Werkstattvertretungen in die Hände der konservativen Gewerkschaftler fallen würde. Ich glaube aber, daß dies jedenfalls nur provisorisch und zeitweilig der Fall sein könnte.

Die konservativen, sozialdemokratischen Gewerkschaften sind ja doch seit Jahrzehnten her nur für die Lohnkämpfe, und heute nur noch zur Vermeidung von solchen und fürs Unterstützungswesen eingerichtet. Sie stützen sich besonders und bilden Berufs-, jedoch im Allgemeinen keine Industrieorganisationen. Wollen sie sich in Produktionsorganisationen umbilden, so würden sie ihren ganzen Charakter als konservative Organisationen dabei einbüßen.

Die Produktion hat nicht den Beruf, sondern die Fabrik oder die Werkstatt als Basis, und unter den heutigen Umständen können in derselben Fabrik oder Werkstatt Arbeiter von zwei, fünf oder zehn verschiedenen Berufen zusammengruppiert sein. Unsere revolutionären, syndikalistischen Organisationen eignen sich für Übernahme der Produktion und ihrer Leitung in der Zukunft weit besser als die großen konservativen Gewerkschaften, deren Unterstützungskassen allein schon einen mächtigen Block am Bein für sie bilden.

Deshalb auch kann es uns, relativ gesprochen, gleichgültig sein, wenn jetzt die konservativen und sozialdemokratischen Berufsorganisationen noch in den meisten Ländern numerisch das Übergewicht über unsere revolutionären Organisationen haben.

Je schlimmer die sozialen Verhältnisse werden und je mehr der Klassenkampf sich zuspitzt, desto mehr werden die konservativen und sogenannten „freien“ sozialdemokratischen Gewerkschaften an Einfluß verlieren und desto mehr werden die revolutionären Organisationen in den Vordergrund gedrängt, werden an Macht gewinnen. In revolutionären Perioden aber werden die konservativen, reformistischen „Krankenkassenelemente“ unter den Arbeitern ganz und gar nicht mehr in Betracht kommen.

II

Als am 29. Oktober 1929 wie ein Blitzschlag aus dem heiteren Himmel die erste Börsenpanik in New York ausbrach, wollten im Anfang alle diejenigen, welche gewöhnt sind, nur die Oberfläche der sozialen Erscheinungen zu beobachten, nicht an den tiefen Ernst der Katastrophe glauben. Und die amerikanischen Ökonomisten und Finanzleute — im allgemeinen oberflächlich und selbstbewußt wie nur ein Amerikaner es sein kann — gaben uns die heilige Versicherung, es handele sich nur um eine ganz gewöhnliche Börsenpanik.

Während einiger Wochen war das große Publikum auf ihrer Seite. Was! Amerika, die „Republik der zwei Ozeane“, Amerika, das einen inländischen Markt besitzt — so ausgedehnt, so selbstgenügend, wie er in keinem anderen Lande besteht; dessen Industrie unbedingt besser organisiert ist als irgend eine andere; Amerika, das schließlich hinter hohen Zollmauern ruhig der internationalen Konkurrenz die Stirn bieten kann; — Amerika würde vor einer ökonomischen Krise stehen, so akut, so tief eingreifen; wie selbst die große Krise von 1907 bis 1909 es nicht gewesen war? Das schien Zehntausenden von Menschen im Anfang unmöglich zu sein.

Und trotzdem hatten viele Andere, durch tiefere wirtschaftliche Studien aufmerksam gemacht, schon Monate und Jahre vorher behauptet, es gäbe etwas Krankhaftes und eine schlimme Vorbedeutung in jener schnellen, fieberhaften Entwicklung der amerikanischen Industrien, etwas, woraus sie eine plötzliche, urkräftige und auch recht „amerikanische“ Katastrophe vorhersahen.

Ihre Prophezeiung stützte sich erstens auf die in Nord-Amerika so skrupellos entwickelte Spekulation, welche zwar nur als ein Merkmal einer ungesunden Organisation

des Produktions- und Distributionssystems angesehen werden kann, aber trotzdem und eben als solches seine Bedeutung hat.

Der amerikanische Businessman, der einige Millionen Dollars zu seiner Verfügung hat, hat nicht die Gewohnheit, sein Geld ganz in einer einzelnen oder in zwei industriellen Handels- oder Finanzunternehmungen anzulegen; er kauft vielmehr fünf Prozent der Aktien einer Unternehmung, nimmt auf dieselbe eine Hypothek und kauft mit dem neuen Gelde die Mehrheit der Aktien einer zweiten Fabrik, Warenhandlung oder Bank, auf welche er gleicherweise eine Hypothek nimmt, um mit dem letzteren Betrage eine dritte Unternehmung zu kaufen usw.; auf diese Weise „kontrolliert“ — wie die Amerikaner es nennen — ein einziger Mensch oder ein kleines Komplott von industriellen Höchstaplern viele und selbst verschiedenartige Unternehmungen, welche alle schwer belastet sind —, bis der erste beste Sturmwind das Kartenhaus auseinanderschlägt.

Man kennt auch den recht amerikanischen Prozeß der Stockwatering (Kapitalanlegung), der, gerade wie die obengenannte „Verkettung“ der Industrien, schon 1907 so viel zum unvermeidlichen „Krach“ beigetragen hatte. Wenn fünf, zehn oder fünfzig Industrie-, Handels- oder Bankunternehmungen, die durchschnittlich jede drei Millionen Dollar wert sind, einen „Trust“ bilden, so werden sie zusammen nicht auf fünfzehn, dreißig oder hundertfünfzig Millionen Dollars, sondern viel höher, etwa auf zwanzig, fünfzig oder zweihundert Millionen geschätzt, und nach dieser neuen Schätzung sollen sie Gewinn geben. Solange der „Boom“ dauert, geht das auch gut; wenn aber die veränderte Konjunktur auf dem Weltmarkt oder auch im Lande selbst es den industriellen Höchstaplern nicht mehr erlaubt, ihr wahres oder vermeintes „Monopol“ so auszunützen, daß der erforderliche Gewinn herausgeschlagen werden kann, dann ändert sich die Sache. Arbeiten doch viele amerikanische — wie auch viele europäische — Trusts und Kartelle mit riesenhaften Direktorengehältern, Tantiëmen, Pfründen für die Anwesenheit der Mitglieder im Direktionsrat und anderen Ausgaben von Geldern, welche die Trust- und Kartelleiter sich persönlich in die Tasche stecken, ohne noch an einen Gewinn für die Aktionäre zu denken.

An der Börse scheint aber alles Gold zu sein, was glänzt, und so war zum Beispiel vor dem „Krach“ in New York der mittlere Preis von Anteilen in dreißig der hauptsächlichsten industriellen Unternehmungen der United States von 100 (1923) auf 381 gestiegen. Die Panik schlug ihn gleich in einigen Tagen auf 272 herunter (die Ziffern sind den Londoner Times entnommen).

Auch die immer mehr aufgeschraubte technische Organisation der meisten amerikanischen und von vielen europäischen Großunternehmungen hat ihren Haken. Die Vereinigten Staaten sind das Land, wo die Industrien skrupelloser „rationalisiert“ sind als irgendwo, und von Amerika aus wurden die verschiedenen Rationalisierungssysteme (Fordismus, Taylorismus usw.) über die ganze kapitalistische Welt verbreitet. Diese Systeme beziehen sich im Großen und Ganzen nicht nur auf die Verbesserung der Maschinen, die Anordnung der verschiedenen Produktions-, Manipulations- und Transportprozesse und die technische Leitung der Betriebe, sondern auch — und vor allem — auf die kostspielige menschliche Arbeit. Die Konsequenz von diesem Allen ist aber gewesen, daß die Arbeitslosigkeit in vielen älteren Produktionsländern, die doch schon in der Nachkriegsperiode so schwierig zu bekämpfen war, wie eine Lawine im Sturz angewachsen ist. Jetzt eben, wo dieser Bericht publiziert wird, gibt es in der kapitalistischen Welt weit über zwanzig Millionen arbeitsfähige Menschen, die gegen ihren Willen zur Untätigkeit verurteilt sind, und von dieser Anzahl kommen mindestens fünf bis sechs Millionen auf die Vereinigten Staaten Nord-Amerikas.

Für die revolutionären Syndikalisten liegt hierin eine Warnung davor, die „Rationalisierung“, da wo diese sich nur auf die Verbesserung von Maschinen und Material, sowie auf die technische Direktion bezieht, freudig zu begrüßen, ohne zu gleicher Zeit eine Verkürzung der Arbeitszeit oder Lohnerhöhung zu bedingen. Wo die moderne Rationalisierung sich auf die Organisation der menschlichen Arbeit ausdehnt, sollen die revolutionären Arbeiter dieselbe glattweg bekämpfen überall wo sie die Auspressung der Arbeitskraft verschlimmert oder den Geist des Menschen bis zur Stumpfsinnigkeit erwürgt. Auf jeden Fall aber muß Verkürzung der Arbeitszeit die Intensifizierung der Arbeit aufwiegen.

Wenn nun einerseits die Produktion überall energisch intensifiziert wird und andererseits eben durch diese Intensifizierung Hunderttausende und Aberhunderttausende von Arbeitern auf die Straße geworfen werden, mitunter die Kaufkraft der Arbeitermassen furchtbar erniedrigt wird, so kann schließlich eine Katastrophe, ein industrieller, kommerzieller und finanzieller Weltkrach nicht ausbleiben.

Daß derselbe sich zunächst in Amerika abgespielt hat, kann ebensowenig Verwunderung wecken wie die Tatsache, daß die finanzielle Krise den tieferen Störungen des Gleichgewichts im Wirtschaftsleben vorhergegangen ist. Ist doch die Börse eben eine Art Barometer der tieferen Handels-, Landbau- und Industrieverhältnisse. Daß es augenblicklich eine reine Unmöglichkeit ist, irgendwelche akute finanzielle Krise nur auf die Börse zu beschränken, geht schon daraus hervor, daß es in der heutigen Produktionsperiode fast keine einzige Großunternehmung in Industrie, Handel und Verkehr mehr gibt, die sich nicht auf eine Bank stützen muß und von den Banken abhängig ist.

Sehen wir uns nun einmal an, wie es im Herbst 1929 in den amerikanischen — und auch in vielen europäischen Industrie-, Handels-, Landbau- und Verkehrsunternehmungen unter den verschiedensten obengenannten Verhältnissen — Spekulation, Rationalisierung und Intensifizierung der Produktionsprozesse, Arbeitslosigkeit usw. — aussah:

Die auf die Spitze getriebene Rationalisierung und die Massenproduktion der verschiedensten Waren „in Serien“ hatte in vielen Industrien das Angebot von Produkten weit über den Bedarf hinaufgeschraubt. Amerika war stolz darauf, daß es in seinem Lande auf acht Personen ein Automobil gab, und Herr Ford sah sich schon veranlaßt, Reklame zu machen für das Prinzip, daß eine echt amerikanische Familie zwei Automobile besitzen muß. Auf dem Papier der Reklamezettel geht das hübsch, in der Wirklichkeit aber war, trotz des riesenhaften Exports nach dem Auslande, die Lage der Automobilindustrie in Amerika — und durch den Rückschlag natürlich bald auch in den europäischen Ländern — eine verzweifelte. In der Filmindustrie und in verschiedenen anderen Industrien von für den Konsum fertigen Produkten war die Überproduktion in den letzten Monaten, bevor der Krach ausbrach, eine ebenso kritische. Aber auch die Produktion von Halbprodukten und Grundstoffen war überlastet. Wenn man liest, wie vor der Panik die riesenhafte amerikanische Standard Oil Company, um sich im Kampf gegen die europäische Royal Dutch zu behaupten, zehntausende von Petroleumlampen gratis in verschiedenen asiatischen Ländern unter die Bevölkerung verteilen ließ, nur um sich neue Märkte zu schaffen, dann begreift man, daß auch hier die Konsumtion hinter der Produktion zurückblieb.

Die Katastrophe kam natürlich vor allem in den Industrien von Fertigprodukten und besonders von Luxuswaren zum Ausbruch und griff von Amerika bald nach den hauptsächlichsten Industrieländern Europas über — nach Deutschland, England, Belgien usw. Frankreich blieb länger verschont und auch jetzt noch ist die Krankheit dort viel weniger ausgeprägt als in den industriellen Nachbarländern.

Es liegt auf der Hand, daß, wenn eine finanzielle Krise ausbricht, die bald als eine auf tieferen wirtschaftlichen Ursachen gegründete sich offenbart, die am ersten getroffenen Volksmassen anfangen, zunächst an solchen Waren zu sparen, deren Gebrauch sich nicht als unmittelbar nötig aufdrängt: Automobile und Fahrräder, Musikinstrumente, Gold- und Silberwaren und Kleinodien, dann aber auch Hut- und Schuhwaren, Herren- und Damenkleidung usw.

Frühjahr 1930 waren aber schon die Industrien von Halbprodukten und die Textilindustrien überall mit betroffen, bis schließlich auch — wie in jeder tiefen wirtschaftlichen Krise — die Industrien von Grundstoffen und Rohmaterialien: Eisen, Stahl, Kautschuk, Stein, Kohle usw. folgten.

Im Hochsommer 1930 gliederte das Berliner „Institut für Konjunkturforschung“ die Länder, welche eine rückläufige Konjunktur aufwiesen, folgendermaßen:

  1. Beginnender Rückgang: Länder, die nur vereinzelte Rückgangssymptome als eine Entspannung von Übersteigerungen einer vorausgegangenen Hochkonjunktur anzeigen.
  2. Fortschreitender Rückgang: Allgemeine Rückgänge mit einer Tendenz im negativen Sinne.
  3. Auslaufender Rückgang: verlangsamte Rückgangsbewegung oder bereits Stillstand auf dem erreichten Niveau.

Damals befanden sich im Stadium des beginnenden Rückganges von den europäischen Ländern nur die Niederlande, die Schweiz und Schweden, und, von den überseeischen Ländern, nur Chile und Neuseeland.

Nebst Frankreich waren auch Dänemark, Irland und Norwegen noch kaum von der depressiven Strömung der ungünstigen Konjunktur berührt.

Die Mehrzahl aller Länder der Welt gehörte aber schon dem Stadium des fortschreitenden Rückganges an, unter ihnen vor allem die europäischen Industriestaaten: Großbritannien, Belgien, Italien, Österreich und die Tschechoslowakei. —

Als im Stadium des auslaufenden Rückganges befindlich rechnete das Berliner Institut vor allem Deutschland und die Vereinigten Staaten, ferner von europäischen Ländern Polen, Rumänien, Portugal und Finnland, außerdem die südamerikanischen Staaten Brasilien, Kolumbien, Venezuela und Ecuador.

Natürlich ist ein derartiger Bericht über die internationale Wirtschaftslage mit sehr vielen Einzelheiten belegt. Im selben Lande befinden sich kaum zwei Industrien genau in derselben Lage, und auch jetzt noch befinden viele der hauptsächlichsten Industrien in allen kapitalistischen Ländern sich noch immer in einem mehr oder weniger starken Konjunkturrückgang.

Wahrscheinlich wird sich auch jetzt wieder das Baugewerbe am ersten aus der allgemeinen Depression erheben, ganz wie es in den vorhergegangenen Krisen, die seit dem Anfang des XIX. Jahrhunderts genau studiert wurden, so allgemein der Fall war. Jedenfalls aber muß damit gerechnet werden, daß auch in den jetzt sich schon erholenden Industrien, überall da, wo offenbar der Tiefpunkt der wirtschaftlichen Rückgangsbewegung erreicht wurde, noch einige Jahre lang eine Art Rekonvaleszenzprozeß folgen wird, eine gemilderte Depression, während welcher die Industrien fortkriechen und nur langsam sich erheben, bis allmählich eine neue Aufschwungsperiode eintritt.

*

Bevor wir die Position und die Pflichten der revolutionären Gewerkschaftsbewegung den wirtschaftlichen Krisen gegenüber richtig beurteilen können, ist es unbedingt notwendig, die Frage zu beantworten, ob in der kapitalistischen Wirtschaftslage noch immer wiederkehrenden Krisen vorgebeugt werden kann. Meine Antwort, auf langjährige Studien basiert, ist eine unbedingt verneinende.

Ich werde hier vor Allem kurz einige der Motive formulieren, welche ich ausführlich in meiner Théorie du Capital at du Profit, Paris 1926, (II. Teil, Kap, XXXII, V und VI) entwickelt habe:

Die tieferen Ursachen der modernen Wirtschaftskrisen und die Erklärung ihrer Periodizität müssen in den kombinierten Schwankungen der Nachfrage und des Angebots der Ware und in den einander folgenden Zuständen von Überproduktion oder Unterproduktion gesucht werden.

Das gesellschaftliche Kapital erzeugt durch seine Tendenz zur Akkumulation ein fortdauerndes Bedürfnis zur Ausdehnung der Produktion.

Das Kapital muß Früchte abwerfen, und unter der heutigen kapitalistischen Gesellschaftsordnung hat die Produktion schließlich nur ein Ziel: die Realisierung eines Unternehmerprofits. Wenn nun die heutige Gesellschaft stets mehr alle Energie, alle Intelligenz besonders, zur technischen Vervollkommnung von Produktion und Distribution der Güter anwendet, so sieht sich die Zivilisation periodisch vor die ernste Frage gestellt, daß die gesellschaftliche Konsumtion nicht in der Lage ist, den wachsenden Strom von Waren zu verzehren, der ihr von der gesellschaftlichen Produktion zugeführt wird.

Schließlich geht der Konflikt des progressiven Anwachsens der Produktion in Perioden von Hochkonjunktur mit der weniger ausgesprochenen Entwicklung der tatsächlichen Nachfrage aus der Akkumulation des fixen Teils des gesellschaftlichen Gesamtkapitals hervor. Solange diese Akkumulation und das Anwachsen der Produktion keiner gesellschaftlichen Kontrolle unterworfen ist, so lange die Produktion ein privates Jagdgebiet für Profitjäger bleibt, wird die Produktion praktisch stets wieder aufs Neue auf den Widerstand einer ursprünglichen Macht stoßen, auf den Widerstand einer Urkraft, die stärker ist als die Produktion selbst, — nämlich auf den wirklichen sozialen Bedarf der Menschheit, der alle überflüssigen Waren zurückstößt. Nehmen wir ein Beispiel, wozu notwendigerweise die ungebändigte kapitalistische Produktion führt: Dieser Tage ging ein Bericht durch die internationale Presse: die Riesenschuhfabrik Thomas Bat’a in Zlin (Tschechoslovakei) hatte den Beschluß gefaßt, ihre Produktion von 100 000 Paar Schuhe pro Tag auf 200 000 Paare täglich zu erhöhen und dafür ihr Personal bis auf 30 000 Personen zu vermehren. Bat’a meint seinen Plan verwirklichen zu können mit Erniedrigung der Preise, Verbesserung der Qualität seiner Produkte und Lohnerhöhung. 1930 wurden schon die Preise gewisser Artikel um beinahe 40 Prozent herabgesetzt. Natürlich fragt Bat’a nicht, ob er vielleicht mit der Durchführung seines Planes einige tausende oder zehntausende Schuhmachergeschäfte und kleine Schuhfabriken ruinieren muß. Ebensowenig aber hat er unter der kapitalistischen Gesellschaftsordnung danach zu fragen, ob die nationalen und internationalen Märkte für Schuhwaren (die Bat’asche Fabrik führt viel aus) eine derartige Ausbreitung von Riesenbetrieben ertragen könne. Denn Bat’a ist kein Kind und weiß besser als irgendeiner, daß die Verwirklichung seines Planes die konkurrierenden Schuhfabriken in anderen Ländern zwingen wird, ebenso die notwendigen technischen Verbesserungen in ihren Betrieben einzuführen.

Man kennt die verschiedenen Palliativen, die überall zur Vorbeugung wirtschaftlicher Krisen angewandt werden: die Ausfuhr von überschüssigen Waren kann gewiß einen nationalen Markt einigermaßen entlasten, hat aber auch andererseits zur Folge, die Krise zu verallgemeinern; die lokalen, regionalen und nationalen Behörden können bestimmte öffentliche Arbeiten in Zeiten von Depression ausführen lassen; ihrerseits können die Arbeitervereine ihre arbeitslosen Mitglieder gratis nach den Kolonien oder — wie die englischen Trade-Unions — nach den Dominions senden usw.

Alle diese Maßnahmen haben aber schließlich nur zum Resultat, das wirtschaftliche Übel von einem Lande zu einem anderen oder von einer Periode auf eine andere zu verschieben; oder auch anstatt einer kurzen, plötzlich eingreifenden Krise eine langdauernde, allgemeine Depression herbeizuführen. Vielfach auch — wie bei der Durchführung von öffentlichen Arbeiten — führen solche Maßnahmen zur Ausführung von unproduktiven Arbeiten, d. h. zur Vermeidung menschlicher Arbeitskraft.

Aus allem vorhergesagten geht hervor, daß nur eine strenge gesellschaftliche Kontrolle der Produktion dem hier behandelten Problem Hilfe schaffen kann.

Kann diese Hilfe von der Gründung und der Weiterentwicklung von Kartellen und Trusts in den verschiedensten Industrien herbeigeführt werden? Auch hier ist meine Antwort verneinend.

Man hat schon vielfach die Bemerkung gemacht, daß die periodisch wiederkehrenden Krisen in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts heftiger, panikartiger, aber auch kürzer waren: die schwächeren, lebensunfähigen kapitalistischen Unternehmen wurden dann wie durch einen Sturmwind weggefegt; das tote Holz fiel ab, aber nachdem der Orkan abgeebbt war, drang die Sonne der Prosperität wieder bald aufs Neue durch die Wolken. In den letzten Jahrzehnten aber trägt das durch Wirtschaftskrisen hervorgerufene Unheil weniger einen panikartigen Charakter, aber der allgemeine Rückgang der Geschäfte und die sozialen Übel dauern vielfach jahrelang.

An dieser allmählichen Umwandlung der Wirtschaftskrisen tragen nun die kapitalistischen Verbände, die Kartelle und Trusts, die größte Schuld. Man weiß, daß die modernen Großkapitalisten darauf bestehen, daß sie mittels ihrer Verbände im Stande sind, die Produktion in ihrem Industriezweig der Konsumtion anzupassen. Sie glauben, die Prosperität in einer Periode von Hochkonjunktur mäßigen, andererseits aber auch das Elend in einer Periode von Niedergang der Industrie lindern zu können, indem sie in ersteren Perioden das Angebot ihrer Ware einschränken und die steigenden Preise ermäßigen und umgekehrt in letzteren Perioden die Produktion so viel wie möglich stabilisieren, um die Preise hochzuhalten.

Bis zu einem gewissen Grade ist dies Alles auch richtig, und im Laufe eines Jahrhunderts ist unbedingt die gesellschaftliche Produktion regelmäßiger geworden. Von den Mißbräuchen von Seiten der modernen Unternehmerverbände, die dabei vorgekommen sind, besonders wo es sich um die „Hochhaltung“ der Warenpreise in Zeiten von Depression handelte, wollen wir hier nur wenig reden. Bei den öffentlichen Erhebungen über Kartelle und Trusts, besonders in Deutschland und in den Vereinigten Staaten, kam es oft zu drastischen Szenen zwischen den organisierten Großunternehmen in den Montanindustrien und den Fabrikanten der Weiterverarbeitungsindustrie, wenn letztere sich über die „ruinierenden“ Preise beklagten, die ihnen von den ersteren „abgepreßt“ wurden. „Wenn der Koch sich mit dem Küchenmädchen zankt, da hört man, wo die Butter bleibt“, sagt ein holländisches Sprichwort. Deshalb sind solche Erhebungen so lehrreich.

Auf alle derartigen Klagen und öffentlichen Beschuldigungen antworten nun die Kartell- und Trustleiter, dieselben seien nur deshalb möglich, weil ihre Verbände noch nicht allgemein und straff genug ausgebaut seien. Deshalb geben sie auch dem amerikanischen Trust den Vorzug vor dem deutschen Kartell. Ihr Ideal ist die Schaffung von Riesenverbänden in „vertikaler“ Richtung, die sich von den Rohprodukten bis zu dem unmittelbar für den Verbrauch bestimmten Endprodukten ausdehnen. Diese Organisationen sollen weiter zwischen den verschiedenen Produktionsphären durch enge Verbindungen verknüpft sein. Ein Zukunftsbild, das uns schließlich einen produktiven, Feudalstaat verspricht, worin einige Tausende Industriebarone, von etwa zweihundert Finanzkönigen regiert, uns auf der ganzen Welt das Gesetz vorschreiben würden.

Wir lassen hierbei unerwähnt, ob die Massen der Bevölkerung sich auf lange Dauer eine derartige mittelalterliche Sklaven- oder Leibeigenenexistenz gefallen lassen würden. Selbst wenn unter einem derartigen System den Wirtschaftskrisen vorgebeugt werden könnte, so würde es noch möglich sein, daß ein revolutionärer Kreuzzug der Konsumenten gegen die vereinigten Produktionstyrannen sie alle zusammen verschlange. Die Revolution von 1918 in Deutschland blies in einem Atemzug 26 Dynastien hinweg; international aber könnten wir weit mehr tun, ökonomisch und politisch!

Hier erhebt sich nur für uns die Frage, ob die Kartelle und Trusts, bis in ihre letzten abscheulichen Konsequenzen ausgebaut, im Stande sein würden, die Produktion so zu regeln, daß die bisher auf einander folgenden Produktionszyklen: Auflebung der Geschäfte, Anfang einer Hochkonjunktur, plötzlicher Stillstand und Geschäftskatastrophe, Depression und langsame Gesundung endgültig aufgehoben werden könnten.

Das ist nun aber nicht der Fall. Wir konstatieren vielmehr, daß die ernsthaften Wirtschaftskrisen aus der Vorkriegszeit, jene von 1901 bis 1902 und von 1907 bis 1909 ebensowohl wie die jetzige Krise, welche im Herbst 1929 einsetzte, besonders in denjenigen Ländern herrschten, wo — wie in den Vereinigten Staaten und in Deutschland — die mächtigsten Kartelle und Trusts bestanden, und daß dabei nicht nur die verbundenen Großkapitalisten sich machtlos zeigten zur Eindämmung des Übels, sondern daß vielmehr die Entwicklung der Kartelle und Trusts das allgemeine Übel noch verschlimmert hat.

Wie ist diese Erscheinung zu erklären? Sehen wir uns dazu die Mittel an, welche die Kartelle und Trusts besitzen, um die Produktion in Zeiten eines allgemeinen Geschäftsstillstands einzuschränken. Eine derartige Einschränkung läßt sich auf dem Papier gut ausführen, aber technisch gesprochen hängen Ausdehnung oder Einschränkung der Produktion von der Masse des Betriebskapital und der Schnelligkeit seines Umlaufes ab. Es ist aber vielfach absolut unmöglich, das einmal in die Produktion geworfene Kapital daraus zurückzuziehen, oder auch den von der Technik und den verbesserten Verkehrsmitteln immer mehr beschleunigten Produktionsprozeß im Fortgang zu hemmen.

Was nützt es, die Produktion immer mehr zu vervollkommnen, wenn man schließlich doch gezwungen ist, die Hochöfen auszulöschen und die modernen Maschinen, welche unter der modernen Konkurrenz doch schon so bald altern, unbenützt zu lassen? Man darf auch nicht vergessen, daß selbst die mächtigsten Trusts, wie die United States Steel Corporation oder der deutsch-amerikanische Elektrizitätstrust, ihre unabhängigen Konkurrenten, ihre Outsiders, haben, die stets bereit sind, die Arbeiten eines Trusts weiterzuführen und ihrem mächtigen Konkurrenten einen Teil seiner Kundschaft abspenstig zu machen, wenn der Trust dazu überginge, seine Produktion zu sehr einzuschränken.

Trusts und Kartelle sind nun einmal nicht dazu da, um den sozialen Interessen zu dienen und Krisen vorzubeugen, sondern vor Allem, um einen Unternehmergewinn zu ermöglichen.

Und schließlich: Was heißt es, die Produktion einschränken? Es heißt, die weniger leistungsfähigen und älteren Betriebe schließen und die minderwertige Maschinerie verschrotten oder auch die Arbeitsstunden einschränken. In jedem Fall aber wird dadurch die Arbeitslosigkeit gesteigert oder der Gesamtlohn der Arbeiterbevölkerung vermindert. Die Einschränkung der Produktion hat also immer eine Verminderung der Kaufkraft der Arbeiterbevölkerung zur Folge, und das eben in einer Epoche, wo schon die Nachfrage angefangen hat nachzulassen.

Dabei wirkt sich der unvermeidliche Rückschlag jeder Industrie auf viele andere Industrien aus. Wenn man in der Metallindustrie anfängt, große Arbeiten unausgeführt zu lassen, den Bau neuer Betriebe einzustellen, so leiden darunter nicht nur die Metallarbeiter, sondern auch die Arbeiter im Baugewerbe, in den Ziegeleien und Zementfabriken, den Holzsägereien usw.

Fragen wir nun umgekehrt, wie es in einer aufgehenden Produktionsperiode aussieht? Nehmen wir an, dieselbe sei besonders unter dem Einfluß einer allgemeinen Nachfrage nach Eisenbahnmaterial in den neuen und älteren Ländern eingeleitet. Hochöfen und Eisengießereien fangen dann an, für Eisenbahnwagen und Schienen massenhaft Material zu liefern, und das Baugewerbe besorgt den Bau von Wegen, Stationsgebäuden. Wie könnten aber dann die vereinigten Eisenbarone und die Unternehmer im Baugewerbe den industriellen Aufstieg hindern, wenn überall Eisenbahnmaterial und Bauten gebraucht werden? Es kann nie eintreten, daß sich die soziale Nachfrage sprungweise offenbart oder auch, daß nach einer Hochkonjunktur die Nachfrage zeitweilig gesättigt ist, weil neue Einrichtungen jahrelang nur wenig Arbeit für Unterhalt fordern?

International ist die Frage noch viel verwickelter: Wenn die verbundenen Großunternehmer in einem Lande sich weigern würden, die zunächst notwendigen Arbeiten während einer Periode von Hochkonjunktur auszuführen, so würden immer, sei es im eigenen Lande, sei es im Auslande, andere Unternehmer bereit sein, von der Gelegenheit zu profitieren und zu versuchen, einen neuen Markt zu erobern. Technisch und finanziell gesprochen muß man es im Allgemeinen als eine Absurdität betrachten, wenn endlich nach vielen Jahren von Stillstand oder Abflauen der Geschäfte eine Periode von Hochkonjunktur anbricht und dann die Produktion eingedämmt wird, die Fabriken geschlossen und die Arbeiter entlassen werden sollen. Das können auch die Kartelle und Trusts nicht tun. In solchen Perioden gilt so oft die Parole: Entweder schnell, in einer bestimmten Zeit, die geforderten Waren liefern, oder die Gelegenheit, sie zu liefern, ganz verlieren.

Damit Produktion und Konsumtion sich regelmäßig ausgleichen können, muß die Produktion sich direkt an die Konsumtion anpassen, und beide müssen zugleich geregelt werden.

Nun erhebt sich noch die Frage, ob vielleicht der Staatskapitalismus oder Staatssozialismus, wie es vielfach heißt, hier lösend eingreifen könnte. Diese Frage ist um so wichtiger geworden, seit erstens in allen modernen Ländern stets mehr Industrien und Betriebe vom Staat angezogen werden und zweitens eine internationale politische Partei — die Sozialdemokratie — wie jetzt in Rußland, der praktischen Verwirklichung dieses Staatskapitalismus zustrebt. Sozialdemokraten und Staatskommunisten (Bolschewisten) finden in diesem Bestreben auch in konservativen Kreisen viel Anhang, überall da, wo die von den kapitalistischen Verbänden unterdrückten Kleinfabrikanten um Staatshilfe rufen, oder wo offizielle Wirtschaftler und Magistratspersonen dem Staatsmonopol gegenüber den Monopolen der Großkapitalisten den Vorzug geben.

Aber auch der heutige Staat ist ohnmächtig, um Produktion und Konsumtion dauernd mit einander in Einklang zu bringen. Gegenüber den Privatkapitalisten hat er gewiß den Vorsprung, daß er die Verluste in einer Produktionsphäre mit den Gewinnen in anderen ausgleichen kann. Dagegen ist er aber bekanntlich ein schlechter Wirtschaftler, und in dieser Hinsicht bleibt er hinter den Privatunternehmern zurück.

Gewiß könnte die allmähliche Demokratisierung des Staates dieser Körperschaft neue Vorteile verleihen und stets mehr das allgemeine Wohl zum Ziel von Produktion und Konsumtion nehmen. Das allgemeine Studium der Konjunktur, jetzt schon statistisch — in Deutschland zum Beispiel — angefangen, könnte dabei zur besseren Orientierung auch für die Produktion dienen. Dieser Vorteile wegen werden denn auch ohne Zweifel die Staatsmonopole im Laufe des XX. Jahrhunderts noch eine große Zukunft haben.

Natürlich handelt es sich hier nur um gewisse Industrien, wie Eisenbahnen, Post, Telegraphie, usw. Im Allgemeinen bekämpft die revolutionär-syndikalistische Bewegung ebenso die Staatsmonopole wie die Privatmonopole. Selbst in den auf die Monopolisierung durch den Staat direkt angewiesenen Industrien dürfen wir hoffen, daß, nach der Periode der Staatsmonopole, die Zeit der direkten Organisierung der Arbeit durch Zweckverbände und Gewerkschaften und durch das in Genossenschaften organisierte Publikum treten wird.2

Allein der Staat muß unter der heutigen Wirtschaftsordnung, ganz wie die Privatunternehmer, mit der kapitalistischen Konkurrenz rechnen, — auch international. Er muß das Privateigentum der Bürger respektieren, sich nötigenfalls die fehlenden Gelder durch Anleihen verschaffen, die Arbeiten im Lohnverhältnis ausführen lassen und die Akkumulation der Grundrente in den Händen einzelner Personen dulden usw. Auch wenn der Staat in einem Produktionszweig an die Stelle der Privatunternehmer tritt, bleiben die Grundlagen der heutigen Wirtschaftsordnung: Privateigentum und Lohnsystem, fortbestehen. Unter diesen Umständen wird er nie die periodischen Fluktuationen von Produktion und Konsumtion überwinden können. Auch für ihn bleibt die direkte Anpassung der Produktion an die Konsumtion ein Traumbild, und die drohende Gefahr der Arbeitslosigkeit kann auch er nicht los werden.

Produktion und Konsumtion sind urwüchsige Wirtschaftsmächte, die weit tiefer im Wirtschaftsleben wurzeln als der Staat selbst.

Der heutige Staat kann sich schon der Konkurrenz wegen von der auf Unternehmergewinn gerichteten Produktion nicht befreien, auf die Gefahr hin, die nicht für die Staatsausbeutung geeigneten Industrien, nicht unterstützen zu können. Wenn zum Beispiel die Eisenbahnen Staatsmonopol sind, so muß der Staat Eisenbahnwagen liefern, neue Bahnen anlegen usw., falls in der Hochkonjunktur von allen Seiten Bahnmaterial verlangt wird. Ist aber die Nachfrage gesättigt und tritt der wirtschaftliche Rückschlag ein, dann muß auch der Staat die Produktion einschränken, Arbeiter abbauen usw. Wie würden die verschiedensten politischen Parteien die Staatsausbeutung kritisieren, wenn der Staat unter Vernachlässigung seiner Ausbeutungspflichten in einem Jahr mit zehn oder zwanzig Prozent Verlust arbeiten würde?

Schließlich sind auch die Organe selbst, wodurch der Staat sich mit den Massen der Konsumenten in jedem Zweig in Verbindung setzen könnte, nicht einmal geschaffen, so daß selbst erst die nötigsten Mittel, um die allgemeine Konsumtion und ihre voraussichtliche Bewegung kennen zu lernen, dem Großproduzenten — Staat fehlen. Auch deshalb kann also der heutige Staat die Produktion nicht an die Konsumtion anpassen, und so steht auch er den tieferen Bewegungen des Wirtschaftslebens gegenüber wehrlos da.

Der moderne Staat ist ein zu oberflächlicher Beobachter; er ist zu stark politisch ausgebaut und zu wenig wirtschaftlich betont.

Schon vor Jahrzehnten hieß es in sozialistischen Kreisen: Im Zeichen der Arbeitslosigkeit wird die alte Gesellschaftsordnung untergehen, und die Ereignisse der letzten Jahre haben nur allzusehr bewiesen, wie nahe die Stunde jenes Unterganges ist.

Aus diesem Allen ist die Haltung, welche die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung den modernen Wirtschaftskrisen gegenüber einzunehmen hat, von selbst gegeben.

Auf die Notwendigkeit, daß die Arbeiter in Zeiten von Geschäftsabflauung und Krise an erster Stelle ihre Löhne zu verteidigen haben, brauchen wir wohl kaum einzugehen. Wenn aber wirklich eine jener modernen Wirtschaftskrisen zugleich die „Todeskrise“ der kapitalistischen Herrschaft werden soll, so ist es besonders auch die Sache der revolutionären Syndikalisten, die Massen der Arbeiterbevölkerung auf die Übernahme der ökonomischen Herrschaft vorzubereiten.

Eben weil die Sozialdemokratie überall in den letzten Jahrzehnten sich in den Sumpf des Staatssozialismus verlaufen hat, also gleich wie die heutigen Feudalherren in Industrie, Handel und Transportwesen eine Gesellschaftsordnung befürwortet, welche von oben nach unten aufgebaut wird, kann es nur noch die Aufgabe von revolutionären Syndikalisten und freiheitlichen Kommunisten sein, eine Gesellschaftsordnung und ein Produktions- und Verteilungssystem, das von unten nach oben aufgebaut wird, so weit wie möglich durchzusetzen und dabei die föderativen Bünde der Betriebe der straffen Zentralisation der Unternehmerverbände und des Staates gegenüberzustellen.

Also muß das Hauptgewicht unserer revolutionären Propaganda auf die Einführung von Fabrik-, Werkstatt- und Bauern-Delegierten (Räten) der Arbeitnehmer gelegt werden. Auch wenn diese Propaganda augenblicklich noch in der Hauptsache theoretische Propaganda bleibt, so kann doch jetzt schon die Verwirklichung dieser Arbeitnehmervertretung in den kapitalistischen und Staatsbetrieben in Perioden von Streiks anderen Forderungen angegliedert werden, damit sie allmählich die Hauptforderung der Arbeitermassen wird.

Schon unter der heutigen Gesellschaftsordnung können die Arbeitnehmer das Recht fordern, die Bücher der Betriebe, wo sie arbeiten, zu kontrollieren, eventuell ihre Vertreter in die Direktion und den Aufsichtsrat zu schicken und an der Aufstellung der Bilanz ihres Unternehmens in dem Sinne mitzuarbeiten, daß ohne das Gutheißen des Personals künftig keine Bilanz mehr aufgestellt werden darf.

Es ist möglich, daß unter dem Einfluß der allmählichen Demokratisierung des Staates, von der oben die Rede war, die Staats- und Gemeindebetriebe und Verwaltungsdienste hier und da den kapitalistischen Unternehmungen vorangehen und zum Beispiel dienen, um zu zeigen, was eigentlich Sozialismus und Kommunismus ist und wie die Verwaltung von Industrie, Handel und Transport, sowie auch der öffentlichen Betriebe aussieht, wenn sie von unten her nach oben betrieben wird. Jedenfalls muß die syndikalistische Propaganda sich in allen Richtungen offenbaren und überall da eingreifen, wo die Verwirklichung unserer Forderungen nur einigermaßen möglich ist.

Von der späteren lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Organisation der Arbeiter- und Beamtenvertretungen braucht hier nicht gesprochen zu werden. Dieselbe muß nach und nach, den verschiedensten Verhältnissen entsprechend, ausgebaut werden.

Representation of workers, employees, and civil servants in large and medium-sized enterprises - Christiaan Cornelissen - Christiaan Cornelissen