Über den internationalen Syndikalismus
Ich habe mich gefragt, in welche Form ich diesen Artikel über den Syndikalismus einkleiden sollte. Es war mir und anderen in den letzten Jahren häufig aufgefallen, wie viele teilweise oder ganz falsche Auffassungen, speziell in Deutschland über die moderne syndikalistische Bewegung im Umlauf sind. Eine Bewegung, die sich von Frankreich aus erst nach Italien, der französischen Schweiz und Holland, später auch nach Amerika (die Industrial Workers of the World, Hauptsitz in Chicago), Deutschland (die Freie Vereinigung Deutscher Gewerkschaften), Spanien (die Solidaridad Obrera in Barcelona), zuletzt auch nach England (die Bewegung, deren Mittelpunkt das Monatsblatt The Industrialist ist), nach Böhmen, nach SüdAmerika usw. verbreitet hat!
Gewiß ist an dem Umlauf solcher falschen Auffassungen in erster Linie die internationale sozialdemokratische Presse schuld, der es im allgemeinen an der nötigen Objektivität mangelt, um über die junge, rivalisierende Bewegung wahrheitsgemäß zu berichten.
Zweitens aber gibt es gewisse Zeitschriften, wie in Frankreich besonders Le Mouvement Socialiste, die zwar in Arbeiterkreisen kaum eindringen, aber sich doch der revolutionär-syndikalistischen Bewegung anschließen, deren Mitarbeiter (Theoretiker und Literaten) von den außerhalb der Arbeiterbewegung stehenden Beobachtern vielfach als Leiter der Bewegung angesehen werden und deren Schriften öfters zu den weitgehendsten Mißdeutungen des Syndikalismus (ich meine der wirklichen Bewegung) Anlaß geben. Dies tritt besonders leicht ein, wenn es den Herausgebern solcher Zeitschriften gelingt, dann und wann einen Artikel eines militanten Vertreters einer revolutionären Gewerkschaftsorganisation zu veröffentlichen.
Auch hier handelt es sich um Irrtümer, die internationale Verbreitung finden. Vor einigen Monaten zum Beispiel veröffentlichte ein Mitarbeiter ds Mouvement Socialiste in der offiziellen Zeitschrift der großen Nord-Amerikanischen Gewerkschaftsorganisationen (American Federationist) einen Artikel, nach welchem die literarischen Mitarbeiter ds Mouvement Socialiste (wie Georges Sorel, Hubert Lagardelle, usw.) eigentlich die geistigen Leiter der französischen revolutionär-syndikalistischen Bewegung sein sollten. Viel allgemeiner aber als irgendwo anders scheinen in Deutschland die in Rede stehenden Mißverständnisse verbreitet zu sein. Prof. Werner Sombart hat der letzten (sechsten) Auflage seines Buches » Sozialismus und Soziale Bewegung« ein besonderes neues Kapitel (das fünfte des ersten Abschnitts) angefügt, in dem er der neuen Richtung des Sozialismus in Frankreich, dem revolutionären Syndikalismus, eine tiefgehende Besprechung widmet. Er weiß die Bewegung zu würdigen, übt aber nichtdestoweniger eine scharfe Kritik an ihr, so scharf wie man sie nur von einem ökonomisch und philosophisch so geschulten Mann wie Sombart ist, erwarten kann. Da aber, meines Erachtens, die Sombartsche Kritik, die ich in mancher Hinsicht für berechtigt halte, nicht der wirklichen syndikalistischen Bewegung Frankreichs, sondern vielmehr ihren literarischen Umdeutern gilt, so halte ich es für nützlich, die nachfolgenden Seiten zur Darlegung des Syndikalismus und seiner Tendenzen an das Sombartsche Buch anzuknüpfen. Sie werden also — wie dies besonders in den französischen Zeitschriften üblich ist — den Charakter einer kritischen Buchbesprechung tragen, die aber zum ausführlichen Eingehen auf die betreffende Materie genügend Raum läßt.
Sie werden besonders versuchen, die Leser darauf aufmerksam zu machen, wie notwendig es ist, in Sachen des Syndikalismus die wirkliche Bewegung und ihre verschiedenen Tendenzen von dem, was man in Frankreich »appreciations personnelles nennt, von den persönlichen Phantasien über die Bewegung, zu unterscheiden, und ich werde deshalb mehrmals genötigt sein, Tatsachen beizubringen, die mir nur durch eine langjährige Propagandaarbeit haben zur Kenntnis kommen können.1
Fangen wir mit der Geschichte der Bewegung an: Der französische Syndikalismus ist unbedingt älter als Prof. Sombart und viele mit ihm anzunehmen scheinen. Daß »die erste Anregung« zur Bewegung eine Schrift Georges Sorels aus dem Jahre 1897 sein sollte (Sombart. S. 110), ist eine Mitteilung, die gewiß in Frankreich selbst mit Erstaunen gelesen werden würde, wie es dort Erstaunen und Heiterkeit zugleich wecken würde, zu vernehmen, daß die Lehre des Syndikalismus auch wohl als »Sorelismus« bezeichnet wird. Bereits im Jahre 1897 wurde dem Kongreß der französischen Conföderation der Arbeit (Confederation Generale du Travail) in Toulouse der interessante Rapport Pougets und Delesalles über dn Boykott und die Sabotage eingereicht, dessen Inhalt allein schon genügt, um zu beweisen, daß die Taktik des französischen Syndikalismus damals bereits feste Form angenommen haben mußte. Die syndikalistische Literatur reicht unbedingt bis zum Anfang der neunziger Jahre zurück und auf den internationalen sozialistischen Kongressen von Brüssel (1891), Zürich (1893), und London (1896) fanden schon verschiedene Verabredungen und Diskussionen unter den revolutionären Gewerkschaftlern statt. Ja, wir haben das Recht festzustellen, daß die später erschienenen Literaten des Syndikalismus: die Sorel, Hubert Lagardelle, Berth u. A. des »Mouvement Socialistee in Frankreich, die Labriola, Leone usw. der »Pagine Libere« und des »Divenire Sociale« in Italien, dem revolutionären Syndikalismus als Lehre auch nicht eine einzige neue Idee hinzugefügt haben, wie sie im allgemeinen auf den Gang der Bewegung auch jetzt noch nicht den mindesten Einfluß ausüben. Natürlich muß diese letzte Bemerkung in dem Sinne aufgefaßt werden, daß die Schriften dieser Literaten die Bewegung nicht mehr beeinflussen, als viele andere, z. B. als die Schriften von Jaur&s, Georges Clemenceau oder Aristide Briand es getan haben. In Frankreich stehen die obengenannten Literaten ganz außerhalb der Bewegung, mehr als dies in Italien jetzt noch der Fall ist (worauf ich später noch zurückkommen werde.
Ebenso, wenn wir bei Prof. Sombart lesen (S. 125—ı126), daß der Millerandismus »den Hauptanstoß zur syndikalistischen Reaktion in Frankreich« gegeben hat2, glauben wir, trotz der elastischen Formulierung, hier noch einmal auf Mißdeutungen zu stoßen, die lediglich den widerrechtlichen Ansprüchen der Literaten der Bewegung entstammen. Selber erst im Anfang dieses Jahrhunderts zum Syndikalismus gekommen, glauben sie gewiß zu leicht, daß die Bewegung, wenn schon nicht mit ihnen entstanden, dann doch wenigstens mit ihrer Ankunft erst ihren »Hauptanstoß« bekommen hat.
Stellen wir also vor allem fest, daß die syndikalistische Bewegung, besonders in Frankreich, in ihren Tendenzen und ihrer Taktik als eine Volksbewegung, eine Bewegung in den Arbeiterkreisen selbst, entstanden ist, deren geschichtlichen Ursprung man, wie ich eben sagte, bis in den Anfang der neunziger Jahre, ja selbst in die Zeit der alten Internationale zurückverlegen muß.3
Wenn man die Gründung der syndikalistischen Bewegung in Frankreich absolut mit dem Namen einer Person verbinden will, so müßte diese unbedingt Fernand Pelloutier sein, der Organisator der Föderation der Arbeitsbörsen, deren Sekretär er 1895 geworden war. Ich wiederhole aber, die Bewegung ist älter, und gewiß war seit dem Kongreß von St. Etienne (1892), wo die Gründung der Federation des Bourses du Travail beschlossen wurde, und seit dem von Limoges (1895), wo die Confederation Generale ihre Statuten entwarf, der revolutionäre Syndikalismus, gegenüber der parlamentarisch-sozialistischen Gewerkschaftsbewegung, historisch auf feste Füße gestellt. Erinnern wir nur kurz daran, wie sich damals der Bruch mit der parlamentarischen Bewegung nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch vollzog. Dies geschah 1894 auf dem Kongreß in Nantes, wo die Föderation der Arbeitsbörsen zu gleicher Zeit einen rein gewerkschaftlichen Kongreß abhielt, als in derselben Stadt die guesdistische Fraktion des Sozialismus ihren politisch-gewerkschaftlichen Kongreß organisiert hatte. Ja, es ist bemerkenswert, daß der Bruch gerade bei der Frage des revolutionären Generalstreiks zu Tage trat, welcher von den revolutionären Syndikalisten in Nantes mit großer Majorität angenommen wurde, trotzdem, oder vielleicht gerade weil er vorher vom guesdistischen Kongreß verurteilt wurde.
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Wenden wir uns zum Ursprung und Charakter der syndikalistischen Lehre, so sind die Mißdeutungen zahllos. »Ihre Hauptvertreter, Franzosen und Italiener, so weit ich sie persönlich kenne« sagt Prof. Sombart (S. 110):
sind liebenswürdige, feine, gebildete Leute. Kulturmenschen mit reiner Väsche, guten Manieren und eleganten Frauen, mit denen man gern wie mit seinesgleichen verkehrt und denen man ganz gewiß nicht ansehen würde, daß sie eine Richtung vertreten, die vor allem sich gegen die Verbürgerlichung des Sozialismus wendet, die der schwieligen Faust, dem echten und wahren Nur-Handarbeitertum zu ihrem Rechte verhelfen will.
Aber noch einmal, das sind die Literaten der syndikalistischen Bewegung, die hier als ihre »Hauptvertreter« präsentiert werden. Und daß es sich bei Prof. Sombart nicht um eine zufällige Verwechslung, sondern klipp und klar um ein geschichtliches und theoretisches Miß- verständnis des Ursprungs der Bewegung handelt, geht daraus hervor, daß er (S. 120 u. f.) diesen Ursprung auf den Neo-Marxismus zurückführt und gerade wie »die Syndikalisten selbst« — wie er meint — behauptet, daß die Lehre »ganz und gar keine neue Theorie darstelle, daß sie vielmehr nichts anderes sei, als der zu neuem Leben erweckte und somit allein echte — Marxismuse. Geschichtlich würde dies schon als eine fast wunderbare Tatsache erscheinen müssen, wenn wir nur bedenken, daß die syndikalistische Lehre bis jetzt im Großen und Ganzen gerade in jenen Ländern durchgedrungen ist, wo der Marxismus eigentlich niemals hat Wurzel schlagen können, und daß eben da, wo der Marxismus eine Herrscherrolle spielt in der Arbeiterbewegung — namentlich in den mittelund osteuropäischen Ländern — mit Ausnahme der Freien Vereinigung deutscher Ge werkschaften und einiger böhmischer Vereine, noch von gar keiner syndikalistischen Bewegung die Rede ist. Das »neuerweckte Leben« würde also gerade da gesprossen sein, wo es anfangs kein Leben gab.
Auch hierauf muß ich, mit der historischen Entwicklung der Bewegung vor Augen, tiefer eingehen. Wenn wir das nicht unerhebliche Kontingent jener syndikalistischen Arbeiter außer Betracht lassen, die nur deshalb revolutionär gewerkschaftlich tätig sind, weil sie die Früchte der Agitation in der Form einer materiellen Verbesserung ihrer Lage spüren, und uns an diejenigen Elemente wenden, die theoretisch bewußt sich revolutionäre Syndikalisten nennen, an diejenigen Elemente also, aus deren Reihen in Wirklichkeit die »Hauptvertreter« der Bewegung hervorgegangen sind, so sind, meines Erachtens, unter ihnen drei mehr oder weniger streng getrennte Kategorien zu unterscheiden. Erstens: de Nurgewerkschaftler, die sich jetzt in der syndikalistischen Bewegung international immer enger an die Devise halten: »Der Syndikalismus genügt sich selbst«, und die nur deshalb allmählich Revolutionäre geworden sind, weil die Entwicklung des Klassenkampfes sie praktisch dazu gezwungen hat. Viele Vorstandsmitglieder der französischen Gewerkschaftsvereine gehören zu ihnen. Zweitens: die Gruppe jener Syndikalisten, die aus der anarchistischen Bewegung zum Syndikalismus übergegangen sind,. weil sie ein Terrain suchten, wo sie vonder Wortpropaganda am unmittelbarsten und iruchtbarsten zur Tatpropaganda übergehen konnten. Ich nenne für Frankreich zum Beispiel: Pelloutier, Emile Pouget, Monatte, Yvetot, Delesalle, Charles Desplanques, Broutchoux und eine ganze Reihe anderer. Sie bilden die Elemente, die in Frankreich unbedingt am meisten dazu beigetragen haben, die französische Gewerkschaftsbewegung in die revolutionäre Richtung zu drängen, meistens aber ohne sich je um Marx oder den Marxismus gekümmert zu haben. Drittens kommen in Betracht die Syndikalisten wie Luquet, Griffuelhes usw., die sich von einer der zahlreichen sozialistischen Gruppen zum anti-parlamentarischen Syndikalismus bekehrt haben, weil sie allmählig zu der Meinung gekommen sind (was Prof. Sombart als den Ausgangspunkt von allen betrachtet), »daß der Sozialismus im Begriffe ist, zu wdegenerieren«; das heißt, flach, matt, schlapp, träge, konventionell zu werden, mit einem Worte: zu verbürgerlichen« (S. ııı). Selbst unter diesen aber bilden die sogenannten »Neo-Marxisten« — wenn es unter den Militanten bewußte Neo-Marxisten gibt — nur einen ganz winzigen Teil. Die große Mehrheit stammt vielmehr, wie bekannt, aus den Reihen der Allemanisten, und speziell ist die Pariser syndikalistische Bewegung großenteils allemanistischen Ursprungs, was so viel heißt als daß Marx unter ihnen eine unbekannte Größe ist, dessen Namen sie nur dann und wann gehört haben, wenn er aus dem »marxistischen« Lager (der sg. Guesdisten) herüber klang. Bedenken wir schließlich, daß selbst die Hauptvertreter der letzteren, der »marxistischen« Richtung, in Frankreich vom theoretischen Marxismus nur eine sehr elementare und mangelhafte Vorstellung haben.
Welche Rolle spielen dann aber die eigentlichen »neo-marxistischen« Literaten ds Mouvement Socialiste, an die Prof. Sombart die Bewegung anknüpft, die »liebenswürdigen, gebildeten Leutes, oder die »feinen Menschen«, wie er sie später (S. 128) nennt? Praktisch, d. h. in den Streiks und Lohnbewegungen usw. spielen sie, wie ich schon sagte, absolut keine Rolle. Ebensowenig aber in der syndikalistischen Presse, inder Voix du Peuple, Action Syndicale, usw. oder in den syndikalistischen Broschüren, wie sie Emilie Pouget, Yvetot, Griffuelhes, Merrheim, Dellesalle usw. herausgegeben haben. Um zu begreifen, weshalb die eigentlichen Syndikalisten nicht protestieren, wenn man sie im Auslande als von den Literaten geleitet hinstellt, muß man erstens in Betracht ziehen, daß sie im allgemeinen keine fremde Sprachen kennen und auch in ihrem vielbewegten Propagandaleben die Zeit nicht finden zum polemisieren und kritisieren. \Weiter muß man auch nachfolgendes ins Auge fassen: Die Literaten ds Mouvement Socialiste sind im allgemeinen zum Syndikalismus hinübergekommen, in der Periode des»Millerandismus«, als Oppositionsgruppen innerhalb der (parlamentarisch-)sozialistischen Bewegung, zu der sie teilweise auch jetzt noch gehören. Noch auf dem Kongreß der PartiSocialiste Unifie in Toulouse (Herbst 1908) wurde von ihnen die allgemeine, von Jaures gestellte Einigkeitsresolution mitunterzeichnet. Für sie, als Opposition, gilt mit voller Kraft alles dasjenige, was Prof. Sombart über die Reaktion gegen die Verflachung und Versumpfung des Sozialismus als vorwiegend politisch parlamentarische Bewegung gesagt hat (Seite ııı u. f.).
Die Zänkereien und der Zwiespalt im politisch sozialistischen Lager kamen nun unbedingt den revolutionären Gewerkschaftlern gelegen. Denn die Politik Millerands und anderer Minister, ihre Kreaturen für verschiedene Regierungsposten gerade aus den Reihen der reformistischen Gewerkschaftsführer zu wählen, hatte neben anderen Einflüssen ganz besonders dazu beigetragen, den reformistischen Flü- gel in der französischen Gewerkschaftsbewegung zu verstärken. Die revolutionären Führer letzterer fanden es nun in ihrem Interesse, demgegenüber der Opposition in der politisch-sozialistischen Bewegung liebäugelnd entgegenzutreten. Denn sie waren der Anarchisten außerhalb und innerhalb der Bewegung sicher, und bei den »Nurgewerkschaftlern« fand der »Millerandismus+ keinen Anklang. Wenn sie nun in der sozialistischen Bewegung selbst die Opposition gegen den Opportunismus fördern könnten, und zwar konsequenter, als es die Guesdisten, die schließlich doch auch nur Politiker sind, taten, dann stärkten sie damit zugleich ihre eigene Stellung. Und das ist nun, meines Erachtens, das Hauptmotiv, weshalb gewisse revolutionäre Syndikalisten wie Pouget, Griffuelhes u. A. der neo-marxistischen Zeitschrift Le Mouvement Socialiste ihre persönliche Mitarbeiterschaft zusagten, und weshalb auch, einige Monate vor dem Marseiller Gewerkschaftskongreß (Herbst 1908), einige revolutionäre Gewerkschaftler mit gewissen Neo-Marxisten und anderseits mit einigen Anarchisten zusamm:n die Publikation eines Wochenblattes, der Act.on Directe, unternahmen, dessen Erscheinen nach dem Kongreß wieder eingestellt wurde.
In Italien steht die Sache etwas anders. Der revolutionäre Syndikalismus ist dort, als theoretische Lehre und methodische Taktik, von Frankreich aus importiert, und bei dieser Importation spielten die Literaten eine wichtige Rolle. Dem ist es gewiß zuzuschreiben, daß diese auch jetzt noch in den syndikalistischen Arbeiterorganen mitarbeiten, resp. sich auch an den syndikalistischen Kongressen beteiligen. Trotzdem habe ich in meiner Qualität als Herausgeber des Bulletin International aus verschiedenen Städten Italiens Korrespondenzen erhalten, worin eben über diese Mitarbeitschaft geklagt wird, Korrespondenzen, die beweisen, wie verkehrt es sein würde, auch selbst für Italien die Tendenzen der syndikalistischen Arbeitervereine mit den Theorien der syndikalistischen Literatur zu identifizieren.
Und in Holland, der Schweiz, Deutschland, Amerika, usw. kann von einer Leitung der jungen syndikalistischen Bewegung von seiten neomarxistischer Theoretiker überhaupt nicht die Rede sein, weil es dort solche mit der Gewerkschaftsbewegung zusammengehende Theoretiker nicht gibt.
Hiermit ist kurz auseinandergesetzt, weshalb die Erklärung des Ursprungs der syndikalistischen Lehre aus dem Neo-Marxismus zurückgewiesen werden muß, und zugleich angedeutet, wie vielleicht die Durcheinanderwerfung beider sich, für gewisse Länder wenigstens, erklären läßt.
So aufgefaßt ist es also praktisch vollkommen nutzlos, sich weiter in die Frage zu vertiefen, ob »viel marxistischer Geist« in der syndikalistischen Lehre steckt, zumal es schon an und für sich schwierig ist festzustellen, was eigentlich »marxistischer Geist« heißen soll und in wie weit wir es zu tun haben mit Ideen die speziell Marx eigen sind, oder mit solchen, die zu Marx Zeiten »in der Luft« schwebten und damals »Gemeineigentum« aller Sozialisten und Kommunisten waren (man denke nur an die Forschungen der letzten Jahre über das K o mmunistische Manifest von Marx und Engels selbst, und dessen kritische Vergleichung mit Victor Considerants in 1847 erschienener Schrift: »Principes du Socialisme, Mani feste de la d&emocratie au XIXe siecle).
Jedenfalls gingen meines Erachtens marxistische Bestandteile, wie Prof. Sombart sie im betreffenden Kapitel seines Buches (II. Der Ursprung) aufdeckt, praktisch aus der Internationale, und zwar aus der anti-marxschen Opposition innerhalb dieser Bewegung, in den modernen, revolutionären Syndikalismus über.
Aber auch Prof. Sombart selbst scheint mir den neo-marxistischen Ursprung des revolutionären Syndikalismus nicht allzu ernst aufzufassen:
Ich finde nirgends im Marxismus — sagt er ganz richtig S. 122, — eine ausdrückliche Ablehnung der parlamentarischen Aktion4 und glaube, daß die Idee der action directe, die doch die tragende des syndikalistischen Gedankensystems ist, schlechthin im Widerspruch steht mit der von Marx niemals ausdrücklich aufgegebenen Lehre von der Diktatur des Proletariats« Und auch darin hat er Recht, wenn er bemerkt, daß »der Grundgedanke des Antiparlamentarismus und der direkten Aktion, aber auch der Plan der antizentralistischen, auf der Autonomie der einzelnen Arbeitergruppen aufgebauten Zukunftsgesellschaft u. a. der anarchistischen Ideenwelt entnommen sind.
Unbedingt würde auch theoretisch, wenn man die Vaterschaft des Syndikalismus dem Neo-Marxismus zuschreiben wollte, eine Verwirrung von Begriffen vorherrschen, aber eine Verwirrung, für die meines Erachtens nicht der Syndikalismus, sondern die sogenannten »neo-marxistischen Theorien« verantwortlich sind. Professor Sombart ist ein zu gründlicher Marxkenner, um mir nicht zuzugeben, daß unsere französischen und italienischen Neo-Marxisten« nur eine sehr elementare und mangelhafte Kenntnis der ökonomischen Lehren von Marx haben, und vielleicht stimmt er mir selbst darin bei, daß der heutige »Neo-Marxismus« in verschiedenen seiner Grundgedanken »neo« ist von allem was man will, aber gerade nicht neomarxistisch.
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Meine Ausführungen hier über Geschichte und Ursprung der syndikalistischen Bewegung haben schon einen großen Raum in Anspruch genommen, machen es mir aber nicht unbeträchtlich leichter, jetzt resumierend auf Charakter, Zweck und Ziel der Bewegung und auf ihre Taktik einzugehen, dabei Mißdeutungen, wo diese sich vordrängen, richtig stellend und zurückweisend.
Zweck und Ziel der Bewegung könnte ich vielleicht ganz einfach formulieren nach dem ersten Artikel der Statuten der Konföderation der Arbeit in Frankreich, wonach diese Organisation bezweckt:
- Die Gruppierung der Lohnarbeiter für die Verteidigung ihrer moralischen und materiellen, ökonomischen und beruflichen Interessen;
- sie (die Konföderation) gruppiert, außerhalb jeder politischen Schule, alle klassenbewuß- ten Arbeiter für den Kampf, der zur Abschaffung des Lohnsystems und des Patronats geführt werden muß.
In erster Linie beschäftigt sich der Syndikalismus damit, die materielle und moralische Lage der Lohnarbeiter zu verbessern in der Form der Realisierung von Lohnerhöhung, Verkürzung der Arbeitszeit, Abschaffung von verschiedenen besonderen berufsmäßigen Mißständen, Entlassung unbeliebter Aufseher, Durchführung auch jetzt schon der größtmöglichen Freiheit und Selbstbestimmung im Arbeitsprozeß usw. Es wird dieser Teil der Aufgabe, die die moderne, revolutionäre Gewerkschaftsbewegung sich gestellt hat, gewiß in absehbarer Zeit noch den Zweck par excellence der Bewegung ausmachen.
Aber in der Ausführung dieser Aufgabe stoßen die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter auf das Unternehmertum, wie sie auch vielfach auf die bestehenden Staatseinrichtungen stoßen. Praktisch und in ihren weitgehendsten Konsequenzen betrachtet, geht die Förderung der unmittelbaren ökonomischen, politischen usw. Interessen der Arbeiter dahin, den Einfluß dieser auf die Arbeitsregelung, ja selbst auf die allgemeinen Produktionsverhältnisse in Fabrik und Werkstatt zu vergrößern und demgemäß den Einfluß des kapitalistischen Unternehmers immer mehr zurückzudrängen. In dieser Richtung hoffen die Syndikalisten als zielbewußte Revolutionäre weiter zu gehen — bis zur allmählichen und endgültigen Abschaffung des Patronats und des Lohnsystems. Der erste und nähere Zweck in jeder einzelnen Industrie und im einzelnen Gewerbe und das schließliche allgemeine Endziel sind hier in einer einzigen kurzen Formel zusammengefaßt. Natürlich liegen dabei zwischen dem Einen und dem Anderen verschiedene Perioden, nicht nur von allgemeiner Entwicklung der Produktion, sondern auch von ökonomischer, intellektueller und moralischer Entwicklung der Arbeitermassen, sodaß nicht anzunehmen ist, daß alle Industrien und alle Länder zu gleicher Zeit in dieselbe Periode eintreten.
Wollen wir hier Zweck und Endziel der Bewegung weiter entwickeln, dann müssen wir jetzt vor allem mit allerlei Mißdeutungen von seiten der literarischen Interpreten des Syndikalismus aufräumen.
Machen wir uns zunächst erst los von der Mißdeutung, daß die Vorstellungen, die vielen Theorien der Syndikalisten zu Grunde liegen, »ein durchaus handwerksmäßiges Gepräge« tragen sollen. Herr Sombart, um dies zu begründen, beruft sich (S. 124—125) auf einen Aufsatz Ed. Berths im Januarheft 1907 des Mouvement Socialiste, wo (in Anlehnung an Proudhon) »ganz frank und frei als Ideal der Arbeiterorganisation der allmähliche Aufstieg vom Lehrling zum Gesellen, zum Meister gepriesen wird. Nun, das mag dann Herr Berth persönlich mit Prof. Sombart ausfechten, aber mit der syndikalistischen Lehre der Wirklichkeit hat dies »Ideal« absolut nichts zu tun. Und wenn Herr Sombart später (S. 131) einen Satz kritisiert, den er Enrico Leone zuschreibt: »Il socialismo abolirä, non erediterä il sistema di fabbrica« (der Sozialismus wird das Fabriksystem nicht erben, sondern abschaffen) da frage ich, wie es möglich ist, diese Literaten, die so offenbar die wirklich bestehenden Produktionsverhältnisse und die tatsächliche Entwicklung der technischen Produktivkräfte außer Betracht lassen, bei der Begründung der Prinzipien der modernen revolutionären Arbeiterbewegung auch nur einen Augenblick Ernst zu nehmen.
Unbedingt ist doch das Streben nach immer größerem, mittelbarem und unmittelbarem Einfluß auf den Arbeitsprozeß in Fabriken und Werkstätten und auf die Produktion im allgemeinen, etwas ganz Anderes als das Streben nach dem Zustand des vorkapitalistischen Kleinmeisters oder der »Abschaffung der Fabriken«!
Und doch scheint es mir, daß Ausdrücke wie die eben zitierten, von großem Einfluß gewesen sind auf Sombarts, meines Erachtens fehlerhafte Bemühungen, eine innere Verbindung (S. 124) zwischen dem »ökonomisch-sozialen Milieu« Frankreichs und dem Ursprung des Syndikalismus nachzuweisen: »Ich möchte geradezu sagen«, so heißt es bei ihm: »die grundlegende Idee der korporativen gruppenmäßigen Organisation der zukünftigen Gesellschaft, die Theorie der Arbeit und ihrer Befreiung und vieles andere, konnte nur in einem Lande empfangen werden, wo der Typus der kapitalistischen Unternehmung großenteils noch das mittelgroße Atelier ist mit dem maitreouvrier an der Spitze und den verhältnismäßig wenig zahlreichen Gehilfen«e. Prof. Sombart hat hier offenbar zu sehr das Pariser Kunstarbeiteratelier vor Augen gehabt, und wir müssen nicht vergessen, daß »großenteils« auch in Frankreich die moderne Gewerkschaftsbewegung den Charakter einer mittelund großindustriellen Bewegung trägt. Natürlich fehlt es in Frankreich so wenig wie irgendwo anders an Gewerkschaftsvereinen wie die der Holzhacker oder Seeleute (inscrits maritimes) die nicht unter diese Kategorien fallen, aber die revolutionären Metallarbeiter und Schiffsbauer, die Eisenbahner (mit einer starken Minorität von Revolutionären), Elektrizitätsarbeiter, Arbeiter in den Glasfabriken, den Streichholzfabriken, oder den Steinbrüchen usw., ja auch die Arbeiter der Baugewerbe, die Erdarbeiter, die Tischler und Schreiner usw. in den größeren Städten, arbeiten doch unbedingt in Mittelund Großindustrie. Eine Deutung der syndikalistischen Bewegung im Sinne der Förderung des Aufsteigens vom Lehrling zum Gesellen und zum Meister oder der Abschaffung der Fabriken, würde von diesen Gewerkschaftlern nicht einmal begriffen werden.
Gleichen Wert wie den obenerwähnten Auslassungen von Berth und Leone, muß man dem Satze zuschreiben, den Sombart (S. 128) Sorel entnimmt: »Wir haben von Marx die These übernommen: daß der Fortschritt der Produktion niemals zu rasch sein kann, und wir betrachten diesen Satz als den kostbarsten Bestandteil in der Erbschaft des Meisters«. Herr Sombart kritisiert diesen Satz wie folgt: »Sonderbar, höchst sonderbar! Konnte man Marx vor zwei Menschenaltern noch eine solche Geschmacklosigkeit verzeihen (deren ich selbst mich noch vor zehn Jahren schuldig gemacht habe): heute soll doch jedermann, der etwas auf seine Reputation gibt, nicht mehr solche Parvenuideale mit sich herumschleppen. Zumal nicht, wenn man einen neuen \Veltanfang einleiten will. Da ja doch dieser Gedanke: es kann nie genug produziert werden, das legitimste Kind des kapitalistischen Snobismus ist.«
Ich glaube dies letztere gern und überlasse es Herrn Sorel, diesen »Sorelismus« zu verteidigen. Ich stelle nur dies eine fest, daß man sehr wenig in Arbeiterkreisen und speziell in den Kreisen der Gewerkschaftler verkehrt haben muß, um nicht zu wissen, daß man den modernen Lohnarbeitern eher das umgekehrte vorwerfen könnte, als die Meinung, als ob »der Fortschritt der Produktion niemals zu rasch sein kanne. Und dies ergibt sich auch von selbst aus seiner Lage als Lohnarbeiter! Wird er doch arbeitslos, wenn eventuell zuviel produzierte wird! Wenn also von je her die Arbeiter sich gesträubt haben gegen die Einführung neuer Maschinerien (wie noch kürzlich z. B. die Weber in Hazebrouck) so können wir das bedauern; und auch die modernen Syndikalisten werden dies tun, soweit sie sich auf den Standpunkt des allgemeinen Fortschritts der Kultur stellen, aber vom Lohnarbeiterstandpunkt aus ist doch dieser Kampf gegen die Maschine wenigstens begreiflich. Auch der Syndikalist in Fabrik oder Werkstatt bleibt Lohnarbeiter und man kann ihn höchstens dazu bringen, diejenigen Fortschritte in der technischen Produktion anzunehmen, von denen er selbst mitprofitiert und die nicht ausschließlich als Profit und Dividenden dem Unternehmertum zugute kommt. Andererseits läßt der Anklang, den die Sabotage (nach dem Grundsatz: »Schlechter Lohn, schlechte Arbeits) bei den revolutionären Gewerkschaftlern gefunden hat, sich gerade dadurch erklären, daß sie dem tollen Wettkampfe der Produktion einen Riegel vorschieben wollen, und deshalb da, wo sie nicht imstande sind, den Arbeitslohn weiter hinaufzutreiben, wenigstens danach streben, die für diesen Lohn gelieferte Quantität Arbeit hinunterzudrücken.
Wenden wir uns nun zu den staatsfeindlichen Tendenzen des Syndikalismus!
Die Lohnarbeiter, wie ich schon oben hervorhob, werden sich in ihren Bestrebungen vielfach auch dem modernen Staat und seinen Zwangsinstitutionen gegenüber befinden. Dabei ist der Staat in seiner ganzen Einrichtung hierarchisch gegliedert, und da, wo er in verschiedenen Monopolindustrien, im Post-, Telegraph-, Telephonund Eisenbahnwesen usw. als moderner Unternehmer auftritt, hat er das Bestreben, die hierarchische Organisation auch auf die Angestellten und Arbeiter in seinem Dienste zu übertragen. Indem er ihre Dienste kauft, strebt er zugleich in allen Ländern danach, auch auf ihren Geist, ihren Intellekt, auf ihre soziale und politische Ueberzeugungen seine schwere Hand zu legen. Auch in dieser Hinsicht muß der Syndikalismus, als allgemeine Lehre, die Interessen der gesamten Arbeiterklasse ins Auge fassend, sich als Gegner des Staates bekennen. Dies folgt schon aus seinem oben erwähnten Streben, den organisierten Arbeitern einen stets wachsenden Einfluß auf den Arbeitsprozeß und die ganze Produktion zu sichern. Dem autoritären Regierungssystem in der Produktion steht die »industrielle Demokratie«, die der moderne Lohnarbeiter verwirklichen will, als schroffer Gegensatz gegenüber.
Wenn wir aber über diese gegen den Staat gerichteten Tendenzen in der syndikalistischen Bewegung mit Erfolg diskutieren wollen, so müssen wir noch einmal in die Arbeiterbewegung selbst gehen; im wirklichen Kampf, so z. B. im letzten Generalstreik der franzö- sischen Post-, Telegraphund Telephonangestellten (Zirkularschreiben, Tagesordnungen, Forderungen der Beamten usw.) diese Tendenzen nachweisen, und hierbei soviel wie möglich wieder die Interpretationen der Literaten des Mouvement Socialiste bei Seite lassen.
»Nur daß mich die Lösungen der Syndikalisten auch nicht befriedigen«, sagt Herr Sombart (S. 129—ı30) in Bezug auf diesen Punkt. »Es geht doch nicht an, jene Uebelstände dadurch beseitigen zu wollen, daß man eine soziale Ordnung dekretiert, die sie nicht mehr enthält! Daß man einfach erklärt: wir wollen keine Zentralisation, keine Bureaukratie und setzen an ihre Stelle die autonome Arbeitergruppe, die keinerlei Aufsicht und Oberverwaltung braucht. Oder: wir wollen die Fabrik mit ihrer geisttötenden Arbeitsspezialisierung nicht und ersetzen sie durch die wieder durchgeistigte Vollarbeit des individuellen Produzenten. Das ist doch Utopismusreinsten Wassers. Denn diese Reformvorschläge berücksichtigen zu offensichtlich ganz und gar nicht die notwendigen Bedingungen, an die unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche Kultur gebunden ist.«
Ich stimme diesem vollkommen bei, glaube aber, daß Herr Sombart diese Zeilen nicht geschrieben haben würde, hätte er den Syndikalismus in unseren modernen Gewerkschaften, anstatt in den Schriften der Literaten studieren können. Herr Sombart greift in dieser Sache besonders Eduard Berth an, den »Spezialisten auf diesem Gebiete« (ich glaube nicht, daß Herr Sombart dies nur ironisch meint) der sich einmal wie folgt ausgelassen hat: »Damit die Arbeiter wirklich frei werden, ist es notwendig, daß die hierarchische Teilung der Arbeit aufhöre; ist erforderlich, daß sich von den Arbeitern die Kollektivkraft ablöse, die die Werkstatt in Bewegung setzt und daß die Arbeitergruppe, indem sie in sich die intellektuellen Kräfte der Produktion aufnimmt (resorbant en lui les puissances intellectuelles de la production) und als Gruppe, ähnlich einem Unternehmer, wie Labriola sagt, den Gesamtplan der Arbeit entwickelt: Leitung und Ausführung einbegriffen. Das ist die Lösung. Sonst bleibt der Sozialismus eine Nachahmung bürgerlichen Wesens (contrefagon bourgeoisek)«.
Herr Sombart hat hier wieder leichtes Spiel: »Ganz einverstanden, Monsieur Berth, daß die hierarchische Arbeitseinteilung aufhören müsse, damit der Arbeiter völlig befreit werde usw. Aber genügt denn zu dem allem, daß Sie es dekretieren ?« (siehe Seite 131).
Für die richtige Beurteilung der syndikalistischen Tendenzen in den Gewerkschaften selbst, ist aber Herrn Berths Interpretation ganz gleichgültig. Und was im besondern die Berthsche Tirade gegen die »hierarchische Teilung der Arbeit« anbetrifft, erwidere ich, daß man nie vergessen soll, wie die Emanzipation des Lohnarbeiters doch schließlich eben durch die Teilung der Arbeit zur Durchführung gebracht werden muß und nicht durch den Berthschen »Aufstieg vom Lehrling zum Gesellen, zum Meister« (siehe oben).
In Wirklichkeit hat der Umstand, daß der Arbeiter Teilarbeiter, Bediener einer Maschine geworden ist, manchmal zu seiner, sei es nur teilweisen Emanzipation, viel beitragen können, und die alte Marxsche Vorstellung aus der Anfangsperiode der modernen Großindustrie, die den Fabrikarbeiter als »lebendiges Anhängsek eines »toten Mechanismus« schildert5, braucht uns in unserer Zeit nicht mehr davon zurückzuhalten, die großen Vorteile der Teilung der Arbeit, ökonomisch, intellektuell und moralisch, für den Lohnarbeiter anzuerkennen.
Versuchen wir auch hier, die Sache richtig zu stellen. Bei der Beurteilung der staatsfeindlichen Tendenzen des Syndikalismus hat man zu berücksichtigen, daß die Syndikalisten in ihren Gewerkschaftsvereinen im vollen, wirklichen Menschenleben arbeiten, und wenn Herr Sombart hervorhebt (S. 116), daß sie sich über diese ihre staatsfeindlichen Tendenzen »nie ganz deutlich aussprechen«, so kommt dies, glaube ich, eben daher, daß sie in dieser Hinsicht nicht weiter vorrücken können, als die Wirklichkeit es ihnen gestattet. In diesem Sinne werden sie nicht nur zugeben, daß im Prinzip »Aufsicht« nötig ist, wenn nicht in der Produktion auf das vorkapitalistische Kleinmeistertumzurückgegangen werdensoll, sondern auch, daß diese Aufsicht immer, unter jeglicher Gesellschaftsform, in den verschiedenen Produktionsphä- ren sehr verschieden sein wird, wie zum Beispiel die Arbeit immer ganz anders gegliedert sein wird im Eisenbahnwesen (hier ist konstante materielle Gefahr vorhanden ohne gute Organisation der Arbeit) als beim Baugewerbe oder im Ackerbau. Dem Staat als Unternehmer, wie den Privatunternehmern gegenüber strebt also der moderne Syndikalist nur nach einer weit möglichst durchgeführten Substitution der Aufsicht von oben durch die Organisation und die Aufsicht von unten, d. h. von seiten der unmittelbaren Produzenten. Und wenn wir im sozialen Leben der Wirklichkeit die Bestrebungen der revolutionären Syndikalisten verfolgen, so sehen wir z. B., daß bei den letzten großen Streiks der Post-, Telegraphenund Telephonangestellten, die Forderungen der Syndikalisten, auch der revolutionärsten, in ihrem Streben um Anerkennung der Vereinsund Koalitionsfreiheit der Arbeiter und Beamten gipfelten, eine Freiheit, die man allerdings bis zur eventuellen Anschließung an die Confederation Generale du Travail ausgedehnt wissen wollte. Weiter zu gehen in ihrem Kampf gegen die Staatsautorität schien ihnen augenblicklich unmöglich. Und anstatt der Wahl der eigenen Chefs in den Bureaus und Werkstätten, wie sie dies vielleicht in zwanzig oder dreißig Jahren werden verlangen können, stellten sie nur die Forderung der Entlassung eines nach ihrer Meinung unmöglichen Vorgesetzten, des Unter-Staatssekretärs Simyan.
Der Anti-Etatismus in der modernen revolutionären Gewerkschaftsbewegung darf also nur als Tendenz, als Streben in einer bestimmten Richtung und nicht anders aufgefaßt werden; ähnlich wie z. B. der aufrichtige Christ das Gebot der Nächstenliebe auffaßt. Und auch, wenn es in der Wirklichkeit niemals zur völligen Abschaffung des Staates käme, so wenig wie zur strengen Beobachtung des Gebotes der Bergpredigt »so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dars, so hat doch in dem einen Fall wie in dem Andern, das Streben in der angedeuteten Richtung theoretisch und praktisch eine wesentliche Bedeutung.
In gleichem Sinne, als bloßes tendenzielles Streben muß auch die syndikalistische Forderung nach Autonomie der Arbeitergruppen aufgefaßt werden. Wenn Herr Sombart fragt (S. 130): »Welche autonome Arbeitergruppe soll die Eisenbahnlinien Nordamerikas oder die Kanäle eines Landes oder die Pittsburger oder Essener kombinierten Eisenwerke in Verwaltung nehmen, ohne sich dreinreden lassen zu müssen ?« So werden wir hierauf für den Augenblick und angesichts der jetzigen Entwicklung der Technik natürlich antworten müssen: Gar keine. Aber wohl ist ein regelmäßiger Fortschritt möglich in der Richtung einer schließlichen gänzlichen Regelung von Produktion, Güteraustausch und Verkehr, unter Direktion der Vertreter der sämtlichen Eisenbahnorganisationen Nordamerikas, oder der autonomen Bevölkerung einer mit Wasserwerken versehenen Gegend, oder auch der sämtlichen Angestellten und Arbeiter der Pittsburger oder Essener kombinierten Eisenwerke, welche Vertreter sich dann mit den Konsumenten, resp. dem Publikum geradeso abzufinden hätten, wie es jetzt die kapitalistischen Groß- unternehmer oder die sämtlichen Aktionäre einer Kanalgesellschaft tun.
Ich komme hiermit zu einem anderen Hauptpunkt der syndikalistischen Bestrebungen, zur Besprechung der von Prof. Sombart gestellten Frage, ob »die Gewerkschaften der Ort sind, wo die Arbeiter die Kenntnisse und Eigenschaften erwerben sollen, die sie dereinst befähigen, die Produktionsleitung den Händen der Unternehmer zu entreißen und selbst Leiter und Organisatoren zu werden.« (S. 137.)
Herr Sombart meint, daß hier »ein großer Irrtum dem Räsonnement der Syndikalisten zugrunde liegt«. Meines Erachtens liegt aber der Irrtum bei Prof. Sombart selbst, der offenbar die »Leitung der Produktion« so auffaßt, als müßte der Arbeiter in seinem Gewerkverein über den »Produktionsprozeß« Dinge lernen, die ihn befähigen, »später selber Unternehmer zu werden. Auch auf diesem Punkt scheint die Literatur über den Syndikalismus die nachteiligsten Folgen gehabt zu haben. Prof. Sombart schreibt: »Ich weiß nicht, woran man denkt, wenn man schreibt: »In den Gewerkvereinen bildet sich auf einer neuen Basis die Fähigkeit und die technisch-politische Gewöhnung aus, den Produktionsprozeß zu leiten«. (Leone.) »Bitte«, fragt Herr Sombart darauf Leone: »was lernen die Hafenarbeiter vom Betriebe einer transatlantischen Reederei; was die Hochofenarbeiter von der Organisation eines Hüttenwerkes, von der Kalkulation der Eisenproduktion, was die Handlungsgehülfen von dem Funktionieren eines Warenhauses, was überhaupt irgend ein Gewerkvereinler von irgendeinem Produktionsvorgange ?! Ich muß mit Blindheit geschlagen sein; denn irgendwo muß sich ein — wenn auch noch so kleiner — Zusammenhang zwischen den beiden Welten zeigen, da doch so kluge Leute wie die Syndikalisten geradezu eine Identität annehmen ?« (S. 137—138). Und weiter (S. 139): »Welcher verhängnisvolle Irrtum ist es doch: die allmählige Ausbildung der kapitalistischen Unternehmung im Schoß der alten feudal-handwerksmäßigen Gesellschaft gleichzusetzen mit der Entwicklung der Gewerkvereine! (Sorel des öfteren).«
Lassen wir vor Allem Leone, Sorel usw. und ihre Anknüpfung an die Technik beiseite! Und stellen wir dann erstens Prof. Sombart die Gegenfrage, was eigentlich die Aktionäre einer Reederei, einer Hochofenunternehmung oder eines Warenhauses, von den »Produktionsvorgängene und dem »Funktionieren« des Betriebes in ihren Unternehmungen erfahren ? Vielleicht noch weniger als der geringste unter den produktiven Arbeitern!6 Und trotzdem haben die Aktionäre der kapitalistischen Unternehmungen durch ihre Vertreter die Oberleitung ihrer Geschäfte in Händen. Und hierum handelt es sich doch schließlich und nicht um die technische Organisation der Betriebe!
Denn es wird hier eine Eigentumsfrage aufgerollt und das Ziel des modernen Syndikalismus ist, den kapitalistischen Privatunternehmer immer mehr zurückzudrängen aus seiner Machtstellung, nicht als technischer Leiter, sondern eben als Eigentümer. Und die historische Aufgabe der modernen Gewerkschaftsbewegung ist es eben, die vom Kapitalismus hervorgerufene Scheidung des unmittelbaren Produzenten von den Produktionsmitteln zu beseitigen und beide wieder zu vereinigen.
Fragt man die Aktionäre einer modernen Großunternehmung nach der technischen Leitung des Betriebes, so werden sie antworten, daß solche Leitung gekauft wird und daß es auch bei der heutigen Entwicklung der Technik in Produktion und Distribution schwerlich anders möglich sei. Man kauft den Generaldirektor einer großen kapitalistischen Fabrik mittels eines größeren Honorars und vielleicht einer gewissen Anzahl »Anteile«, gerade wie man mittels eines geringeren Honorars und nach dem eventuellen Stand des Arbeitsmarktes Ingenieure, Kassierer, Mathematiker und Chemiker, Aufseher usw. kauft. Uebrigens handeln jetzt schon die Arbeitergenossenschaften nicht anders.
\Venn also die Syndikalisten unserer Zeit behaupten, sie verfolgen die allmähliche Zurückdrängung des kapitalistischen Eigentümers in den industriellen, kommerziellen usw. Unternehmungen, bis zur gänzlichen Ausschaltung derselben, so darf man doch bei Leibe nicht meinen, es sei ihnen darum zu tun, den jetzigen Portier eines Hüttenwerkes oder eines Warenhauses durch die Erziehung in einem Gewerkschaftsverein für spätere Leitung eines solchen Betriebes vorzubereiten.
\Wenn sie behaupten, daß es sich in der modernen Gewerkschaftsbewegung schließlich um einen Kampf um die Oberleitung in den Fabriken und Werkstätten handelt, so will dies nur sagen, daß die wesentliche Frage ist, wessen Willen künftig zur Ausführung gelangen wird, der des kapitalistischen Unternehmens oder der der organisierten Produzenten.
Prof. Sombart knüpft an seine Bemerkungen über die Fähigkeit der Gewerkschaften als Vorschulen späterer Produktivgenossenschaften noch einen interessanten Vorbehalt: »Was allein den ersten kapitalistischen Gebilden in der handwerksmäßigen Welt in unserer Zeit entspricht, das sind die Staatsund Gemeindebetriebe (von denen aber die Syndikalisten auch nichts wissen wollen) und die auf der Konsumentenorganisation aufgebauten Genossenschaftsbetriebe: hier in der Tat sind Ansätze zu einer neuen Produktionsweise vorhanden, und hier in der Tat sind praktische Lehrschulen für den Sozialismus. Aber in den Gewerkvereinen ? k«
»Ich halte es für einen der größten Mängel der syndikalistischen Doktrin (die gerade an dieser Stelle so vielversprechend einsetzt!), daß sie die Genossenschaftsbewegung und namentlich die Konsumvereinsbildung so ganz unberücksichtigt läßt. Hierauf sollte sie ihr Hauptaugenmerk richten und (nach Art der Webbs) ihre Zukunftspläne auf einer organischen Verbindung der Konsumvereine mit den Gewerkvereinen aufbauen« (S. 139—140).
Die modernen Syndikalisten werden natürlicherweise ihre Bewegung — eine gegen den Privatkapitalismus gerichtete Produzentenbewegung — wohl schwerlich als für die ganze soziale Produktion und Verteilung der Reichtümer genügend ansehen. Es gibt zwar in verschiedenen Ländern Syndikalisten, die Anhänger der Lehre sind: »daß der Syndikalismus sich selbst genügt«, allein diese Lehre darf nicht im oben erwähnten Sinne mißdeutet werden und bezieht sich vielmehr auf den Einfluß der politischen Parteien auf die Gewerkschaftsbewegung. Meines Erachtens steht die syndikalistische Doktrin mit der Tatsache, daß zweifelsohne Staat und Gemeinde in nächster Zukunft ihren Einfluß in verschiedenen Industriebranchen noch ausbreiten werden, in keiner Weise im Widerspruch. Staatsund Gemeindeproduktion, zwar so, daß sie mit syndikalistischen Arbeiterorganisationen zu rechnen haben wird, halte ich vielmehr für die künftige Form der Produktion und Distribution in gewissen Branchen und, wie oben schon gesagt, wird dann der Syndikalismus sich besonders bestreben, dem Kollektivbetrieb seine hierarchische Gliederung zu nehmen.
Um sich weiter vom Verhalten des Syndikalismus zur Genossenschaftsbewegung ein richtiges Bild zu machen, muß man wieder ins Auge fassen, daß es sich beim ersteren um eine Kampfesorganisation von Produzenten handelt, die also, im Großen und Ganzen, schwerlich auf die Genossenschaftsbewegung ihr »Hauptaugenmerke richten könnte. Wohl aber kann es ein gewisses Zusammengehen zwischen beiden Bewegungen geben, so z. B., daß die Konsumgenossenschaften als Gegendienst für die Zufuhr von Mitgliedern aus den Syndikaten, letzteren in ihrem Kampf gegen das Unternehmertum (während Streiks und Aussperrungen usw.) pekuniäre Hilfe, Kredit usw. leisten können.
Noch anders steht es mit den Produktivgenossenschaften, die eben neben der Syndikatsbewegung gefördert werden können, in solchen Zweigen des Ackerbaus, der Industrie, des Transports und Verkehrs, wo die moderne Mitteloder Großunternehmung nicht oder nur schwierig eingedrungen ist und in nächster Zukunft kaum erfolgreich eindringen wird, wie z. B. in verschiedenen Zweigen der Reparaturarbeit und des Kunsthandwerks und im allgemeinen in verschiedenen ländlichen und kleinstädtischen Betrieben. Wenn sich dann nebenbei in solchen Produktivvereinen eine Tendenz zum Kommunismus zugleich mit der praktischen Ausschaltung des Kleinunternehmers zeigt — wie dies für bestimmte Betriebe in verschiedenen Ländern schon der Fall ist — so würde prinzipiell für die Syndikalisten hier ein wirklicher Anknüpfungspunkt vorhanden sein.
In diesem Sinne antwortete ich, als, vor einigen Monaten, eine Reorganisation des »Vereins für gemeinschaftlichen Grundbesitz« in Holland stattfand und dieser Verein, der die Gründung und Organisation von Produktivgenossenschaften auf mehr kommunistischer Basis mit Ausschaltung des Privatunternehmers bezweckt, mich bat, als theoretisch und praktisch in der Gewerkschaftsbewegung stehend, auch in jener Richtung mit zu arbeiten. Ich weiß, daß sehr viele Syndikalisten und revolutionäre Kommunisten ebenso darüber denken.
Ein solches Zusammenwirken braucht aber die Syndikalisten nicht zu hindern, deutlich ins Licht zu stellen, daß für die Hauptbranchen von Industrie, Handel und Transport, ja auch für die Produktion von vielen Landbauprodukten (Baumwolle oder Getreide z. B.) seit Jahrzehnten in allen modernen Ländern die Zeit vorbei ist, wo man mit Erfolg an die Gründung von lebenskräftigen, d. h. im Kampfe mit dem modernen Kapitalismus konkurrenzfähigen Produktivgenossenschaften denken könnte. In all diesen Hauptbranchen handelt es sich nicht darum, neue von kommunistisch-syndikalistischem Geist durchdrungene Unternehmungen den kapitalistisch getriebenen gegenüber zu gründen, sondern vielmehr, die kapitalistischen Unternehmer allmählich aus ihren eigenen, technisch vielfach hochentwickelten Betrieben herauszudrängen. Hier kann nur der gewerkschaftliche Kampf nach revolutionär syndikalistischem Muster, aber nicht mehr die Genossenschaftsbewegung eingreifen.
***
Professor Sombart charakterisiert die Taktik des Syndikalismus ganz genau, wenn er bemerkt (S. 1I6 seines Buches), daß er nicht, wie etwa der Altmarxismus, auf den fast automatischen Uebergang und die allmählige Umbildung der bestehenden Wirtschaftsweise in die sozialistische hofft. »Auf den Ablauf von Akkumulationsund Konzentrationsprozessen zu warten, liegt den Syndikalisten ebenso fern wie der Gedanke, ihre Hoffnungen auf der allmählichen Verelendung der Massen aufzubauen«. Anstatt auf die Geschichte zu warten, wollen sie selbst »Geschichte machen«. Dieses Wort von Leone, das Sombart in seinem Buche zitiert, drückt ihr Auftreten treffend aus.
Wenn aber Prof. Sombart, sich weiter auf die Literatur über den Syndikalismus stützend, zur Schlußfolgerung kommt: »Genau genommen gibt es nur Eines, gibt es nur eine treibende und gleichzeitig schöpferische Kraft: den revolutionären Willen des Proletariats, der sich zum Enthusiasmus der Hingabe und der Arbeit ausgestalten muß« (ebenda), so wird jeder, der die syndikalistische Bewegung aus der praktischen Propaganda kennt, diese Wendung um so bedenklicher finden, als doch in dieser Bewegung vernünftigerweise nur von einem revolutionären Willen in der Richtung der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft und ihrer produktiven Kräfte die Rede sein kann, und wir, die wir in der Praktik leben, nur zu gut wissen, wie sehr es gerade am »Enthusiasmus der Hingabe« noch mangelt. Und geradezu ironisch klingt es, wenn Herr Sombart fortfährt: »In dem revolutionären Willen des Proletariats liegen aber auch alle Möglichkeiten einer neuen Produktionsweise eingeschlossen. Diese wird auf einer völlig neuen Moral sich aufbauen: der Moral der entgeltlosen Opferung für das Wohl des Ganzen«. Hier scheint es der gute Sorel zu sein, der den deutschen Kritiker zu seiner Schlußfolge verlockt hat: »Cet effort vers le mieux qui se manifeste en d&pit de l’absence de toute recompense personnelle imme&diate et proportionnell«.....
Nun läßt sich vielleicht eine solche auf »einer neuen Moral« sich aufbauende »Produktionsweise« in der Literatur ganz gut anhören; aber die syndikalistische Bewegung ist eine nüchterne Alltagsbewegung und im praktischen Leben ist hier, wie in der Gewerkschaftsbewegung im Allgemeinen, viel eher Mangel an »entgeltloser Opferung« und Solidarität zu bedauern, als das Umgekehrte. Man soll nicht übertreiben, und meiner persönlichen Erfahrung nach würde sicherlich die Gewerkschaftsbewegung als revolutionäres Element in der sozialen Entwicklung viel größeren Erfolg gehabt haben in den verschiedenen Ländern, wenn nicht erstens die einzelnen Korporationen zu sehr dieeigenen unmittelbaren, kleinen Berufsinteressen im Auge behielten — auch wenn diese sich mit dem »Wohl des Ganzen« in der Arbeiterbewegung nicht decken — und wenn zweitens die Arbeiter aller Industrien und Berufe zusammen, nicht allzusehr ihre Bewegung als eine sich an die heutigen Verhältnisse direkt anknüpfende Kampfesbewegung auffaßten. Die Aeußerungen der Literaten, wie sie Herr Sombart vor sich gehabt, sind vielmehr als ideale Anstöße in einer Richtung aufzufassen, in welche sich die revolutionär syndikalistische Bewegung. wie die ganze Arbeiterbewegung, nur sehr schwer, wenn überhaupt, wird drängen lassen.
Auf gleiche Weise müssen auch praktische Fragen, wie die, welche im Sombartschen Buch gestreift werden: »keine Beiträge und keine Streikoder gar Versicherungskassenbildung; daher Ablehnung jeder Politik der Verhandlung oder Verständigung mit dem Unternehmertum« (siehe S. 118) aufgefaßt werden.
Keine Beiträge und keine Streikkassenbildung? Ich kenne in Frankreich oder anderwärts auch nicht einen einzigen in der praktischen Propaganda tätigen »Syndikalisten«, der so etwas verlangen würde; vielmehr besteht im syndikalistischen Lager ein allgemeiner Drang nach Erhöhung der Beiträge zum Zweck, Streiks und Lohnbewegungen möglich und erfolgreich zu machen, — was auch wohl kaum anders möglich ist, innerhalb einer Bewegung, die sich vor allem zur Kampfesbewegung ausbildet. Bloß, wenn man die Beiträge zu hoch stellt, verlassen eben die Gewerkschaftler die Reihen, und auch der kampfeslustigste Syndikalist hat dieser Wirklichkeit Rechnung zu tragen.
Dann gibt es noch etwas, das eben den Unterschied zwischen den revolutionären Syndikalisten und den »Reformisten« in Frankreich ausmacht, oder auch die französische Gewerkschaftsbewegung von z. B. der deutschen, in den großen Zentralverbänden verkörperten Bewegung unterscheidet: Die revolutionären Syndikalisten erklären sich im allgemeinen nur als Anhänger von Gewerkschaftskassen und von hohen Beiträgen an dieselben, insoweit die Gelder zu Kampfeszwecken benutzt werden. Was die »Versicherungskassenbildung« betrifft, trachten sie im Gegenteil diese so weit wie möglich zu beschränken, und z. B. aufs Viatikumwesen zu reduzieren. Unterstützungskassen aber, wie sie in Deutschland, England, Amerika, in den großen konservativen Verbänden und bei gewissen »reformistischen« Gewerkschaften Frankreichs bestehen — Kassen, die im Falle von Krankheit, Invalidität und Tod, oder selbst beim Wohnungswechsel usw. Gelder auszahlen, dulden die revolutionären Syndikalisten nur, wenn sie nicht anders können. Im Prinzip jedoch betrachten sie die Schöpfung solcher Kassen als zur Aufgabe der »Mutualitc« gehörend, — die in Frankreich jetzt schon mehr als drei Millionen Anhänger zählt, — und nicht als Aufgabe der Gewerkschaften, weil letztere von ihnen in erster Linie als Kampfesorganisationen betrachtet werden.7
Große Vorsicht muß man weiter auch beobachten, wenn man auf die Ablehnung »jeder Politik der Verhandlung oder Verständigung mit dem Unternehmertum« von Seiten der Syndikalisten eingeht. Natürlich gibt es da, wo es sich um einen fortwährenden Kampf zweier Parteien handelt, auch ein ununterbrochenes System von »Verhandlungen« und »Verständigungen« zwischen den Parteien. Aber »Verhandlung« und »Verhandlung« sind zwei. Und was die Syndikalisten ablehnen, sind die Verhandlungen, bei denen die Hauptvorstandsmitglieder (wie in Deutschland üblich) über die Häupter der Mitglieder ihrer Verbände, resp. bei einem Konflikt über die der streikenden Arbeiter selbst hinweg, mit dem Unternehmertum sich »verständigen«. Dies hängt natürlich wieder mit der Bildung von großen Unterstützungskassen zusammen und mit der Furcht der Vorstände großer Organisationen, die Kassen zu leeren. Was die französischen Syndikalisten den deutschen, englischen, nordamerikanischen usw. konservativen Gewerkschaftsverbändlern vorwerfen, ist gerade, zu viel auf die armen Groschen der Arbeiter gegen die Goldstücke der Kapitalisten zu vertrauen, anstatt die direkte Aktion der Mitglieder unter allen Formen zu ermutigen und auf alle Weise auszunützen.
Kurz gefaßt also, darf man die von der revolutionären Majorität geleitete Bewegung der 380000 oder 400000 französischen Gewerkschaftler nicht mit der der etwa zwei Millionen gewerkschaftlich organisierter Arbeiter Deutschlands vergleichen, oder vielleicht aus der beiderseitigen numerischen Macht auf den Einfluß im sozialen Leben schließen.8 Die französischen, von dem Geist der Syndikalisten beseelten Organisationen, wollen Kampfesorganisationen sein; die deutschen Zentralverbände werden immer mehr Versicherungsvereine, Organisations de secours mutuel, und wenn sie dabei zugleich die wirtschaftlichen Kämpfe, Streiks und Lohnbewegungen in Deutschland leiten, so fassen sie doch auch diese Kämpfe vor allem vom Groschenstandpunkt auf. Darauf ist es meines Erachtens zurückzuführen — und ich glaube die internationalen Verhältnisse ziemlich gut zu kennen — daß gegenwärtig die C.G.T. mit ihren 400 000 Mitgliedern bedeutend mehr Einfluß auf das ganze soziale Leben in Frankreich hat, als etwa die Zentralverbände mit ihren beinahe 2 Millionen Mitgliedern in Deutschland. In Frankreich wird die Aktion der energischsten Elemente der Arbeiterbevölkerung nicht lahm gelegt von einer Majorität von beitragzahlenden Personen, die sich nur der Unterstützung und Versicherung wegen den Verbänden angeschlossen haben!
Die Taktik der syndikalistischen Bewegung wird vielfach unter der Formel »Direkte Aktion« zusammengefaßt. Im Gegensatz zur indirekten,d.h. vorallem parlamentarischen Aktion, offenbart sich dieselbe unter der Form des Eingreifens der unmittelbar Beteiligten, nicht nur in die StreiksundBoykots, sondern da, wo die Arbeiter für offensive Aktion zu schwach sind, gelegentlich auch durch Obstruktion oder Sabotage (Einrichtung der Arbeit nach dem Lohne, bezw. Darbietung schlechter Arbeit für niedrigen Lohn) usw. Natürlich ist die Anwendung der direkten Aktion zur Beeinflussung der Regierungskörper und zur Unterstützung guter oder zur Bekämpfung schlechter Gesetze nicht ausgeschlossen. Aber auch hier bleibt sie Aktion im wirklichen Leben und nicht im Parlament, und offenbart sich in einem Druck auf alle politischen Parteien ohne Unterschied. Z.B. weiß man, wie in Frankreich die Gewerkschaftler zur Durchführung des Gesetzes betreffs Einführung eines wöchentlichen Ruhetages manifestiert haben, und wie sie, um diese Durchführung zu erzwingen, massenhaft in die großen Magazine drangen, wo der Ruhetag von 24 Stunden trotz dem Gesetze nicht eingeführt war.
Dank dem Standpunkte, auf den Herr Sombart sich gestellt hat, kommt nun aber in seinem Buch der Charakter gewisser Kampfesmittel, die die Syndikalisten vorschlagen, nicht immer zu seinem Recht; so z.B. nicht der des Streiks, den Herr Sombart nicht nur als geeignetes Kampfesmittelgegen das Unternehmertum auffaßt, nicht als eine der Formen direkter Aktion, sondern vielmehr als Mittel »alles zu fördern, was den revolutionären Willen stärken hilft, alles also vor allem, was dem Proletariat seinen Klassengegensatz zur bürgerlichen Welt immer wieder zum Bewußtsein bringt, was seinen Haß gegen diese Welt und ihre Träger nährt und auch von neuem schürt« (5. 118). Die ideologischen Motive sprechen im Alltagsleben und im wirklichen Kampfe gegen das Unternehmertum kaum ein Wort mit, und auch von den Syndikalisten werden sie als solche, als ideologische Motive, nicht in den Vordergrund geschoben. Dies kann nur in der Literatur geschehen oder gelegentlich von einem besonders ideologisch angehauchten Redner.
Eine ähnliche Kritik muß ich üben, wenn es bei Sombart zur Begründung des Streiks nach den Ansichten der Syndikalisten heißt (S. 178—ı19): »Freilich darf dann der Streik nicht eine wohlerwogene Geschäftstransaktion sein, sondern muß spontan aus den Entschlüssen der aufgereizten Massen hervorbrechen; darf nicht ermöglicht werden durch die Verwendung sorgsam aufgesparter Beiträge, sondern muß ruhen ausschließlich auf der Fähigkeit, Entbehrungen zu ertragen und auf der Opferwilligkeit anderer Arbeitergruppen, die nun erst freiwillig herbeieilen, um die Streikenden zu unterstützen.« Aufrichtig gesagt, habe ich von den Syndikalisten selbst, wenigstens von den syndikalistischen Arbeitern, eine solche Beweisführung niemals gehört, und sie würde übrigens auch von den Arbeitern in Fabrik oder Atelier mit Spott empfangen werden. Ich glaube, auch diese Mißdeutung muß auf Rechnung der Literatur über den französischen Syndikalismus und auf die falschen darüber nach Deutschland und anderwärts importierten Begriffe geschrieben werden. Nicht nur, wie ich schon oben sagte, arbeiten die Svndikalisten in Frankreich ganz positiv auf die Erhöhung der Beiträge hin, sondern auch die »Spontanität« der Bewegung kann von ihnen nur gelegentlich, als sekundärer Faktor im Kampfe gegen das Unternehmertum in Betracht gezogen werden. So z. B. tritt dieser Faktor mehr im Anfang der Arbeiterorganisation als in ihrer späteren Entwicklung, mehr bei Generalstreiks als bei Streiks in den einzelnen Gewerben und Industrien in den Vordergrund. Auch ist seine Wirkung in den verschiedenen Industrien und Berufen sehr verschieden usw.
Kommen wir zum Generalstreik: Auch die Propaganda dafür und die ersten Versuche in dieser Richtung können nicht in dem Grade auf psychologische und ideologische Motive zurückgeführt werden, wie Herr Sombart dies tut (S. IIgQ u. 134). Auch der Generalstreik ist schließlich ein Kampfesmittel, das nur insoweit \Vert hat, wie es aus der Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse und dem Zusammenfallen verschiedener einzelner Streiks allmählich hervorgeht; er wächst naturgemäß und greift allmählich um sich, gerade so, wie die Organisation selbst der Arbeiter oder der Unternehmer. So denken darüber auch die Syndikalisten Frankreichs, insoweit sie im wirklichen Leben stehen. Nur im Sinne eines aus den reellen Verhältnissen hervorwachsenden sozialen Phänomens, und nicht in erster Linie als ein Mittel, »die revolutionäre Leidenschaft neu zu beleben«, kann der Generalstreik als »eine Art von Feldmanöver« (Sombart S. 1Ig) betrachtet werden.
Weiter ist der Generalstreik nicht schlechthin mit Sozialismus »gleichzusetzen«. \as Labriola und Sorel in diesem Sinne in den von Herrn Sombart zitierten Sätzen geschrieben haben, hat nur literarischen Wert und sollte wenigstens cum grano salis genommen werden. Der Arbeitersozialismus ist nicht »ganz und gar im Generalstreik enthalten«. Letzterer als Kampfesmittel kann zwar in einem kritischen Moment eine Entscheidung zugunsten einer bestimmten Produktionsmethode herbeiführen, steht aber als solches, als Kampfesmittel, außerhalb der Produktion, deren allmähliche Revolutionierung der Sozialismus und der Syndikalismus verfolgen.
Wenn ich nun auch hier der svndikalistischen Taktik gegenüber vor Mißdeutungen warne, die aus der Literatur hervorzugehen scheinen, als sollte dabei auf »die Erfüllung der psychologischen und ethischen Vorbedingungen der neuen Gesellschaft« der »Hauptnachdruck« fallen, so kann ich mich doch auch nicht ganz der Sombartschen Kritik selbst in Bezug auf die genannten Vorbedingungen anschließen.
»Welcher Zusammenhang«, fragt Herr Sombart (S. 134), »besteht überhaupt zwischen dem Elan, der einen Generalstreik durchführt, und der hingebenden, begeisterten Stimmung, in der (nach Meinung Sorels) später die Tagesgeschäfte erledigt werden? Ich sehe keinen«. Und später (S. 136) heißt es bei ihm: »Bleibt es nicht, wie immer man die Sache anschaut, weltfremder Phantasmus, unsere Massen von heute in hohe ideale Spannung jahrein jahraus versetzbar sich vorzustellen ? Das Alltagsleben auf nicht egoistische Seelenstimmungen aufbauen kann man nur unter einer Voraussetzung: daß ein religiöser Fanatismus in den Massen lebt. Alle anderen idealen Mächte werden sich ewig als zu schwach erweisen, die Bestie im Menschen zu zähmen, selbst wenn die Ideale nicht auf vorübergehende Ziele gerichtet sind, wie es bei dem Revolutionsenthusiasmus der Svndikalisten obendrein noch der Fall ist.«
Aber Herr Sombart, was waren Sie grimmig und finster gestimmt, als Sie diese Zeilen geschrieben! Gilt Ihres Erachtens die Liebe zu den Kindern und die Sorge für das eigene Alter, oder das Streben, alle Menschen auf Erden glücklicher zu sehen, als sie es jetzt sind, das Streben auch den Krieg zu vermeiden (ich denke an die antimilitaristischen Bestrebungen der Syndikalisten, worüber Sie schrieben) usw., gilt das alles für Sie nur als »egoistische Seelenstimmung«, oder hat es alles auch seine ideale Seite, und kann es in diesem Sinne, Ihrer Meinung nach, nicht wenigstens die Bedeutung haben, die Sie dem »religiösen Fanatismus« beimessen ? Kann denn schließlich die Wohlfahrt des ganzen Menschtums auf Erden nicht mehr Wert als soziale Triebkraft haben, als der unsichere Glaube an einen Himmel? Ja, muß nicht selbst, je mehr letzterer im Nebel des Unwahrscheinlichen sich auflöst, erstere auch naturgemäß immer mehr als ideales Streben in den Vordergrund rücken? Heinrich Heine brachte dies so zum Ausdruck:
Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten:
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
***
Ich bin ungefähr am Ende meiner kritischen Bemerkungen angekommen. Um die syndikalistische Bewegung in ihrem Wesen und Ursprung noch einmal zu kritisieren, stimme ich gern Prof. Sombart bei, wenn er sagt: »Nur in einem so hochkultivierten Lande wie Frankreich, scheint mir, konnte eine solche Theorie entstehen« (S. 123). Allein in der Weiterentwicklung dieser schließlich richtigen Feststellung. gehen wir vollständig auseinander und hier bedauere ich noch einmal das Mißverständnis, das offenbar die Literatur über den Syndikalismus in Deutschland (und anderwärts) hervorgerufen hat. Erlauben wir uns weiter zu zitieren: »Sie (die syndikalistische Theorie) konnte nur von ganz überfeinerten Geistern erdacht werden, ..... von raffinierten Menschen, deren Nerven ganz starke Reize brauchen, um in Schwingung zu kommen. Die aber auch aus einer gewissen künstlerischen Empfindsamkeit heraus eine Abneigung haben gegen alles Philistertum, gegen dieboutique, gegen alles spezifisch »Bürgerliche«. Seide kontra Wolle! Das Alltägliche ist ihnen ebensosehr ein Gräuel wie das Natürliche. Es sind Gourmets der sozialen Theorie, die den Syndikalismus als Gedankensystem geschaffen haben.« (S. 123—124.)
Nun ist aber, wie oben entwickelt, der Syndikalismus nicht nur in seinem praktischen Ursprung, sondern auch in seiner theoretischen Formulierung eine Volksbewegung, ein Massenprodukt parexcellence, deren schaffende Geister, deren Erfinder als Theorie schwerlich auffindbar sein werden, und an deren »Gedankensystem« später gekommene Literaten nicht im mindesten etwas zu ändern vermocht haben. Und man kann unseren Arbeitern der Baugewerbe und den Erdarbeitern, denen die eigene Initiative und die Lust zum »Selbsttun« so tief eingewurzelt sind, oder unseren Metallarbeitern, Seeleuten und Hafenarbeitern, unseren Holzhackern und Arbeitern in den Weinbergen usw. alles vorwerfen was man will, ja, man kann auch den Führern des französischen Syndikalismus, den Merrheim, Pataud, Griffuelhes, Pouget, Monatte, Luquet, Yvetot, Jouhaux usw., vielleicht manchen gerechten Vorwurf machen, allein daß sie an »Ueberkultur« leiden sollten oder gar »Gourmets der sozialen Theorie« seien, nein, das ist wirklich zu stark!
Man soll dem Ursprung einer sozialen Theorie wie die des Syndikalismus tiefer nachforschen. Und wenn man sehr richtig konstatiert, daß eine solche Theorie »nur in einem so hochkultivierten Lande wie Frankreich« entstehen konnte, da soll man bedenken, daß Frankreich innerhalb ein und einem Vierteljahrhundert vier Revolutionen durchgemacht hat und daß, wenn in Mittel-Europa — Deutschland und Oesterreich — eine eingreifende Revolution höchstens die Verwirklichung der Träume von 1848 bringen könnte, Frankreich vor der Verwirklichung der Kommune steht.
Was historisch in Frankreich in erster Linie auf dem Grunde der syndikalistischen Bewegung liegt und ihren Erfolg und Fortschritt möglich macht, ist die Tatsache, daß in diesem Lande alle politischen Regimes abgewirtschaftet haben, daß dort nach und nach alle kaiserlichen, royalistischen und bürgerlich republikanischen Systeme »gewogen«, aber zu »leicht« befunden wurden, und also die Massen selbst weit über die Zeit hinausgekommen sind, wo sie noch von politischen Reformen im allgemeinen die Gesundung des sozialen Lebens erwarteten.
Dazu kommt natürlich das Temperament dieser Menschen, die wie die Franzosen oder Italiener, wie Sombart bemerkt, »gewohnt sind, impulsiv zu handeln, bei denen plötzlich ein heißer Strom der Begeisterung das ganze Innere durchflutet, deren Wesen von solchen plötzlichen Wirkungen beherrscht und zu raschen Taten fortgerissen wird« (S. 124). Natürlich spielen hier die »aktiven Minoritäten«, über die man so verächtlich in Deutschland sprechen und schreiben kann (besonders in der sozialdemokratischen Presse) und spielt der »Elan« eine besonders wichtige Rolle!
Dies alles hängt intim mit dem Wesen und Charakter des Syndikalismus als einer Massenbewegung zusammen, und erklärt, weshalb die französische (oder auch italienische) Gewerkschaftsbewegung niemals vorwiegend den Charakter einer Versicherungsund Krankenunterstützungsbewegung tragen wird.
Darf man daraus ableiten. daß die syndikalistische Bewegung »eine Reaktion darstellt gegen die Vernachlässigung der Gewerkschaftsbewegung in den romanischen Ländern« (Sombart S. 125)? Meiner Meinung nach: nein; man darf nur daraus die Schlußfolgerung ziehen, daß »Gewerkschaftsbewegung« etwas anderes bedeutet in Frankreich als gegenwärtig in Deutschland oder in England (in England wieder teilweise aus anderen historischen und ökonomischen Motiven als in Deutschland).
In einem gebe ich schließlich Herrn Sombart Recht: »Unbildlich gesprochen: so vortrefflich und glücklich viele Ansichten und Theorien des Syndikalismus sind: d i e neue soziale Theorie ist es noch nicht. Damit diese geschaffen würde, bedürfte es noch ganz anderer Vertiefung aller Probleme.« (S. 141.) Und wenn ich auch, mich ganz diesem
Urteil anschließend, dabei nicht so sehr wie Herr Sombart an den Marxismus denke, von dem die Lehre sich »vollständig zu befreien« hätte, weil doch der Marxismus niemals in Frankreich einen besonderen Einfluß gehabt hat, soerkenneichgernean, daß der Syndikalismus, gerade weiler in seinem innersten Wesen eine Volksbewegung ist, nur allzu ausschließlich kritisch, und noch zu wenig aufbauend hat wirksam sein können.
»D i e neue soziale Theorie ist es noch nicht.« Es gähren noch die Elemente in bunter Wirrung und hier und da stehen sie noch einander . scheinbar feindlich gegenüber, für jeden, der nicht die Gewohnheit hat, soziale Probleme wissenschaftlich zu untersuchen und der sich nicht schon bewußt geworden ist, daß die menschliche Gesellschaft war und ist, und immer bleiben wird eine vielfarbige Mosaik von sehr verschiedenen Produktionsund Lebensformen. .
Die Synthese des Syndikalismus also ist noch nicht gegeben. Aber wer sich an die Ausarbeitung derselben macht, wird in seinenStudien besonders dadurch unterstützt werden, daß die Bewegung wie sie geht und steht. im wirklichen sozialen Leben ihre Wurzeln hat, und nicht, wie etwa der Marxismus, in der Methaphysik.
