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Ueber die Evolution des Anarchismus

English

Im Sommer 1907 fand in Amsterdam ein »Internationaler, libertärer und kommunistischer Arbeiterkongreß« statt, der als der »erste, unabhängige anarchistische Kongreß« bezeichnet wurde. Diese Bezeichnung deutet dahin, daß die früheren internationalen Kongresse derselben Richtung, sowohl der von 1893 (Zürich) als der von 1896 (London) noch sozusagen an die parlamentarischen und sozialdemokratischen Kongresse gefesselt waren, deren Anhängsel sie bildeten, während sie zugleich deren Opposition ausmachten. Und wenn auch ein selbständiger antiparlamentarischer und revolutionärer Kongreß in Paris vorbereitet wurde, zur Zeit der Weltausstellung von 1900, so ist es damals doch bei der Vorbereitung geblieben. Das Verbot des öffentlichen Kongresses seitens der französischen Regierung hat damals die » Anarchisten« gezwungen, sich auf geheime Versammlungen zu beschränken und durch die Publikation der zahlreichen Berichte an den Kongreß in verschiedenen Sprachen sich für den Verlust der Propaganda in öffentlichen Versammlungen zu entschädigen.

Jetzt aber scheint eine neue Welt und Gesellschaftsauffassung in verschiedenen unserer Kulturländer fest genug eingewurzelt, um es ihren Vertretern zu ermöglichen, sich unabhängig von anderen auf eigener Weltbühne zu zeigen und somit eine neue Stellung in den sozialen Parteien und Gruppen einzunehmen. Jedenfalls macht diese Tatsache die Auseinandersetzung der anarchistischen Prinzipien und Taktik und deren Evolution während der letzten Jahrzehnte vor einem sozialökonomisch geschulten Publikum nützlich und erwünscht.

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In einer solchen Auseinandersetzung für einen deutschen Leserkreis könnte es gewissermaßen als Nachlässigkeit gelten, wenn sie nicht an frühere Forschungen auf demselben Gebiet anknüpfte, und ich denke hier besonders an das Buch Paul Eltzbachers über den Anarchismus.1 Nicht daß ich seinen Konklusionen über die Grundsätze der verschiedenen anarchistischen Lehren unbedingt beistimme. Herr Eltzbacher hat vor allem dies gegen sich, daß er die anarchistische Propaganda in keiner Beziehung miterlebt hat, also in seinen Forschungen auch nicht immer recht zu unterscheiden weiß und als gleichwertiges Material unter dem Messer seiner methodischen Analyse sowohl ganz flüchtig dahingeworfene Zeitungsartikel oder Reden, einfache Propaganda und Vulgarisationsliteratur, als auch theoretisch streng formulierte, rein wissenschaftliche Arbeit untersucht; weiter auch, daß er die historische Bedeutung der sozialistischen und anarchistischen Terminologie infolge dieses selben Mangels nicht immer kennt. Zum Beispiel, wenn der Autor in seiner Analyse der Lehre Bakunins festhält an den Worten des russischen Agitatoren: »Ich bin nicht Kommunist, sondern Kollektivist«2, dann zieht er nicht in Betracht, daß die Ausdrücke Kommunist und Kollektivist zur Zeit Bakunins eine ganz andere Bedeutung hatten als jetzt, und daß damals so ungefähr Kollektivismus hieß, was jetzt Kommunismus heißt und umgekehrt. Stand doch in Bakunins Tagen der »revolutionäre Kollektivismus« (Bakunins Lehre) gegenüber dem »autoritären Kommunismus«, dem was wir jetzt den »Staatssozialismus« der Sozialdemokratie nennen.3

Aber das Eltzbachersche Buch hat trotzdem das Verdienst, im Großen und Ganzen die verschiedenen anarchistischen Lehren, wie sie in ihrem Ursprung neben einander und sich gegenüber standen, methodisch untersucht und klassifiziert zu haben, sodaß ihre Grundlinien im allgemeinen gut dargestellt sind.

Man weiß, daß Herr Eltzbacher sieben hervorragende anarchistische Doktrinen als Typen untersucht hat, nämlich die von Godwin, Proudhon, Stirner, Bakunin, Kropotkin, Tucker und Tolstoj. Die Arbeit Eltzbachers beweist nun, wie verschieden und vielfärbig, was man kurz den Anarchismus nennt, im Anfang war: ein Wirrwar von meist heterogenen Elementen.

Wenn Dr. Eltzbacher im X. Kapitel seines Buches dazu kommt, die Gesamtheit der anarchistischen Lehren zu überblicken, so konstatiert er, daß die sieben dargestellten Doktrinen hinsichtlich ihrer Grundlage nichts Gemeinsames haben, sodaß er sie schließlich in vier verschiedene Gruppen einzuteilen gezwungen ist. In ihrem Verhältnis zum Recht haben die sieben Lehren auch wieder nichts Gemeinsames. Zum einen Teil verneinen sie für unsere Zukunft das Recht, so lehrt Dr. Eltzbachers Analyse (die Lehren Godwins, Stirners und Tolstojs), zum anderen Teil bejahen sie es für unsere Zukunft (die Doktrinen Proudhons, Bakunins, Kropotkins und Tuckers). In ihrem Verhältnis zum Staat haben die sieben Lehren das miteinander gemein, daß sie alle den Staat für unsere Zukunft verneinen; aber in dem, was sie im Gegensatz zum Staat für unsere Zukunft bejahen, haben die sieben Doktrinen wieder nichts miteinander gemein. Und hier stellt Eltzbacher die föderalistischen Lehren (Proudhon, Bakunin, Kropotkin und Tucker) den »spontanistischene Lehren (Godwin, Stirner, Tolstoj) gegenüber. „In ihrem Verhältnis zum Eigentum haben wiederum die sieben dargestellten Lehren nichts Gemeinsames. Die einen, so meint Dr. Eltzbacher, verneinen für unsere Zukunft das Eigentum (Godwin, Proudhon, Stirner und Tolstoj), die anderen bejahen es (Bakunin, Kropotkin und Tucker). Auch hat sowohl die Bejahung wie die Verneinung des Eigentums in den verschiedenen Lehren einen ganz verschiedenen Sinn.

Unter denen, die das Eigentum bejahen, kommt Tucker als Individualist Bakunin und Kropotkin gegenüber zu stehen. Hinsichtlich der Art, in der sie sich ihre Verwirklichung denken, haben die sieben dargestellten Lehren ebenfalls nichts Gemeinsames. »Reformatorisch« nennt Dr. Eltzbacher die Lehren von Godwin und Proudhon, »revolutionär« die von Tucker, Tolstoj, Stirner, Bakunin und Kropotkin. Aber Tucker und Tolstoj denken sich den Rechtsbruch ohne Anwendung von Gewalt, Stirner, Bakunin und Kropotkin unter Anwendung von Gewalt.

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Was hier für die sieben dargestellten Lehren gilt, das gilt auch für die anarchistischen Lehren überhaupt. In der Tat war der »Anarchismus« bis auf die neueste Zeit noch vielfach so vielartig und so wirr, daß man fast ebenso vielen anarchistischen Doktrinen wie bewußten Vertretern der Anarchie begegnete. Was in der Taktik wie in der Theorie, im praktischen Leben all diese Doktrinen gemeinsam hatten, war mit Recht nur ihre Verneinung des Staates. Anarchie war anfangs was der etymologische Sinn des Wortes ausdrückt: An-archie, d. h. Herrschaftslosigkeit, d. h. Negation aller Autorität und aller Regierung. Noch in den letzten Wochen vor dem Amsterdamer Kongreß fand man z. B. im anarchistischen Wochenblatte »Der freie Arbeiter« von Berlin einen Artikel, worin Erich Mühsam, als Repräsentant dieses primitiven Anarchismus, folgendermaßen seine Ansicht definiert: »Anarchismus bedeutet nichts anderes als die Ablehnung jeglicher Herrschaftsform. Positiv ausgedrückt heißt das: die schrankenlose Autonomie des Einzelnen«\4\. Daß »Anarchismus« jetzt in der Presse und im täglichen Leben schon ganz etwas anderes bedeutet, daß es bei der »sprachemachenden Gemeinde«, dem Publikum — auch dem sozialistischen Publikum — schon in Wirklichkeit sehr wenig mehr mit der »schrankenlosen Autonomie des Einzelnen« zu tun hat, das ist es eben, was die Evolution des Anarchismus ausmacht. Und diese Evolution kommt nun gerade im Eltzbacherschen Buche nicht zum Ausdruck, konnte auch nicht zum Ausdruck kommen, in Anbetracht der Methode, der bei dieser Arbeit gefolgt wurde, und der Persönlichkeit ihres Autors. Man darf selbst behaupten, daß es in Büchern und Zeitschriftartikeln noch sehr wenig Material über die spätere Evolution des Anarchismus gibt.

Und doch steht fest, daß schon vor 1900, als das Eltzbachersche Buch erschien, die Doktrin Godwins seit langem der Geschichte angehörte; daß auch die Lehre Bakunins, trotzdem dieser noch vielfach in der anarchistischen Presse zitiert wird, damals schon als Theorie eigentlich nur noch historischen Wert hatte; daß der Einfluß von Proudhon und Benjamin Tucker, der des ersteren fast nur in Frankreich, der des letzteren nur in den Vereinigten Staaten, sich nur in sehr beschränkten Kreisen noch bemerkbar macht; endlich daß der Tolstojsche Anarchismus in Westund Mitteleuropa wie außerhalb Europa nie feste Wurzel gefaßt hat. Wenn man sich an die von Dr. Eltzbacher als Typen gewählten Lehren halten will, so wäre schon vor 1900 der Kampf um den Vorrang zwischen dem Individualismus Stirners und dem Kommunismus Kropotkins unbedingt zugunsten des letzteren geschlichtet. Umgekehrt aber haben ganz neue anarchistische Tendenzen sich gerade in den letzten Jahren offenbart; und die syndikalistischen (Gewerkschafts-) Anarchisten, die jetzt in den modernen Ländern gewiß neun Zehntel aller sich »Anarchisten« Nennenden ausmachen, und deren Doktrinen der »direkten Aktion« sich schon in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts Bahn zu brechen anfing, fanden mit keinem Wort auf den Seiten des Eltzbacherschen Werkes Erwähnung.4

Untersuchen wir hier, wie sich denn der Anarchismus entwickelt hat, und welche inneren sozialen Motive seiner Evolution zu Grunde gelegen haben.

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Du choc des opinions jaillit la vérité.5 Es ist deutlich, daß schon bei dem ersten ernsthaften Zusammenstoß der Ideen, sowohl zwischen Anarchisten untereinander, als auch zwischen Anarchisten und Nichtanarchisten, das was man die »schrankenlose Autonomie des Einzelnen« nennt, eine bedeutende Einschränkung erfahren mußte. Auf dem internationalen revolutionären Kongreß in Zürich (1893) hörte man noch einen Redner in vollem Enthusiasmus in dieser Sache erklären: »Wir Anarchisten erkennen nur einen Zwang, den der natürlichen Bedürfnisse des Menschen«. Aber zu gleicher Zeit wurde doch auch in dieser selben Versammlung schon die Antwort vernommen, »ob vielleicht auch die menschliche Gesellschaft selbst ein Stück Natur sei, an deren Lebensbedürfnisse, insoweit sie auch Bedürfnisse jedes Einzelnen sind, man ebenso gut Konzessionen zu machen hat, wie an die physischen oder psychischen Bedürfnisse des Individuums, ja ob diese beiden Kategorien von Bedürfnissen eigentlich wohl recht voneinander zu trennen seien.« In der Tat besteht prinzipiell nicht der geringste Grund, weshalb der Mensch wohl Einschränkungen in seiner individuellen Freiheit, wohl Zwang hinsichtlich seiner psychischen Bedürfnisse, des Essens und Trinkens oder des Schlafens, zuzulassen hätte, und nicht auch hinsichtlich des Umstandes, daß er nun einmal mit vielen Millionen Naturgenossen auf derselben Erde und im selben Lande zu leben gezwungen ist.

Wo unter aufgeklärten Anarchisten gefragt wurde, was unter Freiheit zu verstehen sei, habe ich mehrmals die Definition Spinozas anführen hören: »Derjenige Gegenstand heißt frei, der aus der bloßen Notwendigkeit seiner Natur existiert und von sich allein zum Handeln bestimmt wird; notwendig aber oder vielmehr gezwungen, der von einem andern bestimmt wird zum Existieren und zum Wirken in fester und bestimmter Weise«\5\.

Aber schon auf den ersten Blick muß es auffallen, daß, wenn Freiheit nach dieser Definition nichts anders ist als jene Art der Notwendigkeit, die aus der eignen Natur des Gegenstandes folgt, die menschliche Freiheit, durch die Natur des Menschen eingeschränkt, auch überall da sich Schranken gezogen findet, wo die Naturnotwendigkeit sich dem Menschen als solche aufdrängt, d. h. nicht nur in seinen physischen oder psychischen, sondern auch in seinen sozialen Bedürfnissen, insoweit nämlich die letzteren unmittelbar bedingt sind durch die Notwendigkeit seines Zusammenlebens mit anderen Menschen. Nur über die Beschaffenheit dieser sozialen wie aller anderen Bedürfnisse, über das Mehr oder Weniger, kann es schließlich zwischen vernünftigen Menschen noch Streit geben.

Es ist nun aber ein besonderer Grund da, der gerade in den letzten Jahren unter den Anarchisten in dieser Hinsicht zur Einschränkung oder vielmehr zur richtigen Definierung der Idee der individuellen Freiheit drängte und zu ihr führen mußte. Es war dies das Eindringen der anarchistischen Doktrinen in die Kreise der Arbeiterbevölkerung. Um das begreiflich zu machen, haben wir auf das praktische Leben der Arbeiter hinzuweisen.

So lange fast nur Künstler und Literaten sich zur Anarchie bekannten, Personen, die nicht jeden Tag ihres Lebens direkt mit andern zusammen zu arbeiten haben, oder auch Personen der besitzenden Klassen, für welche die Brotfrage in ihrer schwersten Form gelöst ist, weil andere für sie produktiv arbeiten, kurz Personen, für welche leicht die Aufrechterhaltung der eigenen Freiheit die vornehmste Sorge des Lebens wird — so lange konnte auch die primitive Auffassung der Anarchie als nur »unbeschränkte Herrschaftslosigkeit«, als nur »Verneinung aller Autorität\< ohne viel Kampf die Oberhand behalten. Allein was hätte der moderne Lohnarbeiter von einer solchen Philosophie, der Lohnarbeiter der vor allem zu sorgen hat, sein materielles Dasein zu fristen, und der nur dann zur Verbesserung seiner materiellen Lebenslage kommen kann, wenn er sich vereint und zusammengeht mit seinen Arbeitsgenossen in der Werkstatt, und mit seinen Klassengenossen rings herum in der Welt, überall wo er Arbeiterinteressen, wie die seinigen im Spiel sieht?

Die »Verneinung aller Autorität« und die »Autonomie des Einzelnen« können zweifelsohne schöne Sachen sein, jedoch kommt man nur dann dazu, wenn erst einmal die materielle Existenz gesichert ist. Aber wenn man jeden Morgen auf das Läuten der Fabrikglocke an die Arbeit muß, weil man sonst hungert, dann fange man einmal an, alle Autorität zn verneinen!

Allmählich mußte daher bei den revolutionären Lohnarbeitern die Idee Eingang finden: Erst müssen wir die Herren in der cigenen Fabrik sein; und erst in dem Maße, wie wir den jetzigen Fabriksherrn besiegt haben, werden wir dazu kommen können, dessen Autorität zu verneinen. Gleicherweise verhalten sich die revolutionären Arbeiter der Staatsautorität gegenüber. Die folgende Idee drang mehr und mehr bei ihnen durch: Nur insofern wir im Stande sind, durch die Macht unserer Organisation durchzuführen, was wir erstreben, auch gegen die Staatsgewalt, gegen jede Regierung, sei es auch eine sozialdemokratische, nur dann werden wir, die Massen, allmählich die Staatsgewalt verneinen können.

(Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. XXVIL az. 23)

Es ist also nicht nur der Klassenkampf und die zu seiner Durchführung nötige Organisation, beides als Mittel, sondern schließlich auch der Kommunismus, als Ziel, die sich den revolutionären Arbeitern notwendigerweise aufdrängen mußten. Auch die wärmsten Verteidiger der individuellen Freiheit unter ihnen haben sich notgedrungen stets weiter in dieser Richtung entwickelt und wurden immer fester davon überzeugt, daß nur auf der Basis einer mehr oder weniger streng ausgebauten kommunistischen Wirtschaftsordnung die Möglichkeit vorhanden sei, die individuelle Freiheit aller zur vollsten Entwicklung zu bringen.

Wenn also unabweisbar in der Arbeiterbewegung der primitive, individualistische Anarchismus vor dem kommunistischen Anarchismus den Platz zu räumen hatte, der reformatorische oder auch der »renitente« Anarchismus (Tolstoj) vor dem »insurgenten« oder revolutionären, so war doch fast überall in der Arbeiterbewegung eine Gegenströmung vorhanden, die wir gleichfalls noch zu untersuchen haben, weil sie noch viele Jahre lang die systematische Organisation und die regelmäßige Entwicklung der kommunistischen Bestrebungen gehemmt hat.

In verschiedenen modernen Ländern hat sich der Anarchismus in den Arbeitervereinen praktisch erst Bahn gebrochen als Opposition gegen die zentralisierte und disziplinierte Sozialdemokratie. Und nur zu leicht fiel diese Opposition — wie dies immer bei Oppositionsbewegungen der Fall ist — ins andere Extrem. Neben dem Einfluß der literarischen und künstlerischen Elemente, von den oben die Rede war, hat dies viel dazu beigetragen, dem Individualismus als Lehre eine gewisse Stütze zu verleihen und selbst hier und da die Desorganisation in die Bewegung hineinzuführen. Besonders im Anfang der neunziger Jahre, zur Zeit als die sogenannte individuelle Aktion in Frankreich zu verschiedenen Bombenattentaten führte, hat daselbst, wie auch in Italien, Deutschland, Holland, Böhmen u. s. w. die individualistische Kritik zuerst die Form der Organisation, später auch die Organisation als solche angegriffen.

In den Gewerkschaften offenbarte sich der individualistische Geist der Desorganisation, indem in den vielfach erst neu gegründeten Vereinen von Anfang an die Frage auf die Tagesordnung kam, ob nicht jede Gewerkschaftsreglementierung, jeder Vorstand, den Keim einer neuen Herrschaft mit sich bringe. Nicht zufrieden damit, die Mißbräuche der Organisation zu kritisieren und alle Mittel anzuwenden um zu verhindern, daß die Vorstandsmitglieder in den Gewerkschaften zu viel Macht in die Hand bekamen, sie, die doch im Prinzip nur die Mandatäre der Mitglieder waren, fingen die Individualisten bald an, die Organisation selbst zu bekämpfen, immer träumend von neuen »Tyrannen«, auch da wo es sich um die Regelung der einfachsten Gewerkschaftssachen handelte. Auch da wurden Worte wie die »Tyrannisierung der Minorität durch die Majorität«, und die »Unterdrückung der individuellen Freiheit« schablonenmäßig gebraucht. Doch die individualistische Kritik übersah dabei die Gefahr, daß in der Arbeiterorganisation bei völliger Abwesenheit jeder Reglementierung, die persönliche Autorität und selbst die Diktatur tatkräftiger Individuen sich desto leichter geltend machen könnte, gerade wie in der alten Gesellschaft, die man angegriffen hatte.

Mehr noch als in den Gewerkschaften fand in der Uebergangsperiode, von der wir reden, dieser Individualismus Anklang in den Studien und Agitationsgruppen, die sich direkt den sozial-demokratischen Vereinen gegenüber stellten. Es ist erst wenige Jahre her, daß man in vollem Ernst in verschiedenen Ländern Probleme diskutierte wie die folgenden: Ob es in den revolutionären Gruppen nicht ein schlimmer Einbruch in die »Freiheit des Individuums« sei, abzustimmen und Beschlüsse zu fassen? Ob es wohl erlaubt sei, die Mitglieder dieser Gruppen zu ersuchen regelmäßig ihre pekuniären Beiträge an die Gruppenkasse abzuführen. Ob man wohl das Recht hätte in den Gruppen einen Vorsitzenden zu wählen, der nachschaut, wer um das Wort bittet, oder einen Sekretär und besonders auch einen Kassierer, und zwar alle diese verantwortlich vor der Gesamtheit der Mitglieder? Das würden doch wiederum neue »Herrscher« sein, gerade wie bei der Sozialdemokratie. Und außerdem, was die Verantwortlichkeit anbetrifft, so wäre das souveräne Individuum nur sich selbst Verantwortung schuldig6.

Man glaube nicht, daß dies übertrieben ist. Es handelt sich hier um Phänomene, die sich international hervortaten. Noch auf dem internationalen revolutionären Kongreß in London (1896) gab es unter den Anwesenden einen verstockten Stirnerianer, der bei jedem Beschluß den die anderen abfassen wollten, einwarf: » Aber ein Beschluß, eine Resolution! Ich will keinen Beschluß, ich komme nicht hierher um mit anderen zu paktieren. Ich wünsche nur Ich selbst zu bleiben«. Aber damals hatte doch schon die kommunistische Richtung die Oberhand, und dem Gegner wurde zugerufen: »Das hätten Sie doch auch zu Hause tun können, sich selbst bleiben, Sie brauchten nicht hierher zukommen um uns damit zu langweilen !«

Eine derartige Haltung wurde bald allgemein in den frei-kommunistischen Gruppen den starren Individualisten gegenüber angenommen. Niemand, sagte man und sagt man noch, zwingt sie, in die Gruppen zu kommen; aber wenn sie kommen, so wird auch vorausgesetzt, daß es ihnen darum zu tun sei, zusammen zu arbeiten mit den anderen, und daß sie im großen und ganzen mit den Ideen und dem Wirken der anderen Mitglieder einverstanden sind.

Es war oben die Rede von Stirner und von Stirnerianern in der revolutionären Arbeiterbewegung. In der Tat war die Stirnersche Philosophie in dieser Uebergangsperiode ganz besonders unter den Individualisten in der Mode. Diese nebelhafte Wortphilosophie, diese Metaphysik, die an den Begriffen hängen blieb und sich darin erging, alle Begriffe zur äußersten Konsequenz zu entwickeln, anstatt festen Fuß zu behalten im wirklichen Naturund Menschenleben, sie kam damals vielen im Denken noch so unerfahrenen Anarchisten wie ein Evangelium vor, auch, und besonders, denjenigen, die Stirners »Einzigen« nicht zu lesen, oder wenigstens nicht zu verstehen im Stande waren. Tut nichts, man war Stirnerianer aus Intuition, gerade wie Monsieur Jourdain bei Molière Prosa gesprochen hatte, ohne es selbst gewußt zu haben. Die Reaktion gegen die individualistischen Tendenzen der Uebergangsperiode konnte natürlich nicht ausbleiben. Sie trat zuerst auf in den Gewerkschaften, wo — besonders in Frankreich, später aber auch in anderen Ländern (Holland, Schweiz u. s. w.) — die Arbeiterorganisationen, von den revolutionären Sozialisten und Anarchisten beseelt, nicht zu verkennende Vorteile erlangten. Es waren nämlich zu einem nicht unbeträchtlichen Teil die unfruchtbaren Zänkereien in den anarchistischen Gruppen, die gegen das Ende des Jahrhunderts viele intelligente und tatkräftige Anarchisten in die Gewerkschaften getrieben hatten. Da offenbarte sich ihr anarchistischer Freiheitsgeist unmittelbar in der Kritik gegen die Autorität der Gewerkschaftsvorstände, in deren Reihen sie oft selbst eintraten, weiter in ihrer Propaganda der Dezentralisation und der Autonomie der lokalen Gewerkschaftsvereine in der Erledigung aller eigenen Angelegenheiten. Als Kommunisten glaubten sie dabei, daß jedes Zusammenstoßen von Arbeitern und Unternehmern, jeder Streit um Lohnerhöhung oder Verkürzung des Arbeitstages schon im Anfang die große Frage des Kampfes um die Oberherrschaft in den Fabriken und Werkstätten stellt. Sie faßten den Uebergang des heutigen Privateigentums in gesellschaftliches Eigentum in dem Sinne auf, daß die Arbeiter es erstens dahin zu bringen haben, in den Arbeitsstätten der Privatkapitalisten, durch die Macht ihrer Organisation, wenn auch nicht die rechtlichen, so doch die tatsächlichen Dirigenten zu werden. Aber wenn in einer späteren Epoche der Geschichte, so meinten sie und so meinen sie noch, die Kapitalisten dazu übergehen möchten, die Werkstätten, ihr Eigentum, zu schließen, so wird es den revolutionären Arbeitermassen, die inzwischen im praktischen und theoretischen Kampf geschult sind, vorbehalten sein, selbst einzugreifen um, mittelst ihrer Organisationen, die soziale Produktion im allgemeinen Interesse der ganzen Menschheit weiter zu führen.

Im Kampf gegen die Kapitalistenklasse preisen die modernen Anarchisten alle Mittel an, die man unter dem Ausdruck der »direkten Aktion« zusammenfaßt: Streiks, Boykotts, systematische Obstruktion (wie sie die Eisenbahnarbeiter in Italien und Oesterreich schon durchführten), Sabotage (schlechte Arbeit für schlechte Zahlung) u. s. w.

Aber das von den revolutionären Gewerkschaften gegebene Beispiel konnte nicht anders als auch in den revolutionären Gruppen nachwirken.

Jetzt haben die kommunistischen und syndikalistischen Tendenzen schon unbedingt über die individualistischen und zugleich auch antisyndikalistischen das Uebergewicht erlangt, besonders in den westeuropäischen Ländern. Was im modernen Sinn » Anarchismus« heißt, offenbart sich da praktisch in der Agitation als »direkte Aktion«, als das »Selbsttun« der Massen, nicht nur im offenen Kampf gegen die Unternehmer, sondern auf jedem Gebiet des sozialen Lebens, im Kampf gegen die Staatsund Priesterherrschaft (z. B. als Antimilitarismus, Antiklerikalismus), unter gewissen Formen auch in der produktiven Assoziation u.s. w. Sein Streben offenbart sich selbst auf politischem Gebiet gegenüber allen Parteien, ohne Unterschied (Straßenagitation gegen schlechte Gesetze, Massendemonstrationen für oder gegen gewisse politische Ereignisse, u. s. w.). Auf letzterem Gebiet gehen dabei die heutigen Anarchisten von der Voraussetzung aus, daß alle parlamentarischen Parteien von den starrsten Konservativen bis auf den Radikalen und den Sozialdemokraten desto eher bereit sind gewisse Uebelstände abzuschaffen, oder als Konzessionen kleine Verbesserungen durchzuführen, je mehr sie von außen durch den direkten Druck der Massen dazu gezwungen werden. Auf diese Weise hat die anarchistische Taktik auf jedem Gebiet allmählich den gleichen Charakter angenommen, den eines Strebens und Schaffens durch eigene Macht der Massen, und nicht durch die Aktion der Regierenden, — selbst nicht der Regierenden des allgemeinen Wahlrechts, wären sie auch die demokratischsten unter ihnen: Freisinnige und Sozialdemokraten.

Angesichts dieser Evolution, die der Anarchismus durchgemacht hat, kann es als gleichgültig angesehen werden, ob, in Anbetracht der stattgefundenen Veränderungen der Ideen und Tendenzen, man behaupten möchte, daß der Name Anarchismus nicht mehr ohne weiteres für die jetzige Bewegung paßt, und man vielmehr von freiheitlichem Sozialismus oder libertärem Kommunismus reden sollte. Die geschichtlichen Namen, die Parteinamen, werden ’doch meistens den Menschen von anderen vielmehr aufgedrängt als freiwillig von ihnen gewählt. Gewiß ist, daß die sprachemachende Gemeinde von anarchistischen Gewerkschaften redet, ganz wie sie von anarchistischen Straßendemonstrationen, oder von der anarchistischen Taktik des Antimilitarismus und der Militärdienstverweigerung spricht, und daß sie hierbei immer an die »direkte Aktion« der Massen denkt, d.h. der betreffenden Personen selbst im Gegensatz zu den Repräsentanten dieser Personen in den Regierungskollegien oder zu den Behörden.

Was sich in dieser Hinsicht mit der anarchistischen Lehre und der anarchistischen Taktik vollzieht, ist ein allgemeines Phänomen, das in allen Sprachgebieten auftritt: Das allgemeine Phänomen des Verwachsens der Worte, und der Modifikation ihrer Bedeutung, zugleich mit der Umwandlung der sozialen Verhältnisse, unter denen sie entstehen. Es beweist, daß die menschliche Sprache evoluiert, weil die Sprachphänomene in letzter Instanz doch auch soziale Phänomene sind, und es handelt sich hier gerade um ein Problem mit der gegenwärtig die Linguisten international anfangen, sich zu beschäftigen.

Die Linguisten konstatieren, daß die Bedeutung eines Wortes sich ausbreitet, wenn es von einem engeren in einen weiteren Kreis übergeht; daß sie sich aber zusammenzieht, wenn das Wort von einem weiteren auf einen engeren Kreis sich beschränkt7.

Und das erste ist es nun gerade, was mit den Worten Anarchie und anarchistisch geschah, indem sie bei der Arbeiterbevölkerung Eingang gefunden. Zeigen wir noch mit einem Beispiel des praktischen Lebens, wie hier die speziellen Arbeiterinteressen den Anarchismus und seine Bedeutung um- wandeln.

Wenn ein Propagandablatt in Händen einer einzelnen Person sich befindet, so hat diese unwiderlegbar Interesse daran, ihre individuelle Freiheit in den Vordergrund zu stellen und anderen die Kontrolle, oder auch nur jeden Einfluß auf die Richtung und die Zusammenstellung der Zeitschrift zu versagen. Er liebt es vielleicht in eigener Person Herausgeber, Redakteur, Administrator, alles zugleich zu sein, solange es nur möglich ist, und vielleicht nennt er dies für sich An-archie. Aber in den Arbeiterkreisen hat man durchaus umgekehrte Interessen, und besonders in den sozialistischen Kreisen lieben es alle, solche Sachen gemeinsam zu regeln. Wenn wir, so behaupten die Arbeiter, den Kommunismus wollen, wenn wir wirklich Grund und Boden, die Arbeitsinstrumente, ja alle Genußartikel so weit wie nur möglich, in Gemeinbesitz nehmen wollen, und doch noch nicht einmal imstande sein sollten, jetzt unsere eigene Presse gemeinschaftlich zu besitzen und zu leiten, was würde da von unserem Kommunismus übrig bleiben? Würde dieser dann noch als ernsthaft zu betrachten sein? Hinter den verschiedenen Bedeutungen, die man den Worten Anarchie und anarchistisch beizulegen gewohnt ist, zeigt sich hier deutlich die Verschiedenheit der Interessen.

<span class="mark">Dies alles ist also schon weit entfernt von der »schrankenlosen Autonomie des Einzelnen«, von der »unbeschränkten individuellen Freiheit«. Wenn ein Individualist vom alten Schlag dem modernen anarchistischen Arbeiter, dem libertären Kommunisten entgegenwerfen würde, daß doch die individuelle Freiheit auch für ihn »das höchste Gut« sein sollte, so wird er zur Antwort bekommen, daß eine individuelle Freiheit doch so viel wert ist wie die andere, und daß man im allgemeinen und vom Standpunkt der Gesamtheit betrachtet, jede individuelle Freiheit nur zu respektieren braucht, solange sie der Freiheit von anderen nicht hinderlich wird</span>8<span class="mark">. Möchte hierauf der Einwand folgen, daß man vielleicht die eigene individuelle Freiheit und die eigene Entwicklung schädigen könnte, vom persönlichen Standpunkt aus beurteilt, wenn man sich um andere kümmert, und sich mit anderen verständigt, so antwortet der moderne Anarchist hierauf verneinend. Er könnte es mit einem amerikanischen Sozialisten folgendermaßen formulieren: »Der isolierte Mensch ist nur der Anfang eines Individuums. Aber wer da geworden ist: Bürger, Nachbar, Freund, Bruder, Sohn, Gemahl, Vater, Mitglied zugleich, der wird eben dadurch soviele Male individualisiert«</span>9<span class="mark">.</span>

So hat dann das praktische Leben den anarchistischen Arbeiter dazu gebracht, die Formel der »unbeschränkten Freiheit des Einzelnen« umzuwandeln in diese andere: »die höchst mögliche Freiheit für jeden Einzelnen, doch wobei wir alle zusammen leben und glücklich sein können. «

Vom alten, primitiven Anarchismus ist in den modern anarchistischen Kreisen nur noch übrig geblieben eine sehr intensive Befürwortung der Bewegungsfreiheit jedes Individuums in der Gruppe, wo jedes Mitglied frei sein soll, den Verband zu verlassen und wo vorausgesetzt wird, daß jeder seine persönliche Hilfe nur geben wird für die Ausführung solcher Arbeit, welche seine ganze persönliche Sympathie besitzt (unter der Bedingung, daß er seinerseits auch andere nicht hindert, ihren Willen zu tun). Ferner konstatiert man in diesen Kreisen eine nicht weniger intensive Verteidigung der Autonomie der Gruppen in der lokalen oder nationalen Organisation, wie auch weiter im internationalen Zusammenhang. In jeder Hinsicht stellt hier der moderne Anarchist die Dezentralisation und den freien Föderalismus der Zentralisation, das Prinzip der Freiheit, im oben erwähnten Sinne, jenem der Disziplin gegenüber. Es ist besonders dies was die anarchistische Organisation von der sozialdemokratischen unterscheidet.

Faßt man alles zusammen, so könnte man die Evolution, die der Anarchismus in den letzten Jahren durchgemacht hat, einen Uebergang vom Stadium der bloßen Kritik zur positiven Aktion, zum wirklichen Leben nennen. Und besonders in den Arbeiterkreisen mußte sich dieser Uebergang vollziehen, weil sich eben da am klarsten offenbart, wie die Menschheit bei der tagtäglichen Produktion lebt; wie sie einen fortwährenden und immer steigenden Bedarf hat an Holz und Stein für ihre Häuser, ihre Wege, an Eisen und Stahl für ihre Maschinen, ihre Riesenbrücken und Eisenbahnen, an Weizen, Wolle und Baumwolle u. s. w.; und daß es sich bei der Regelung dieser Produktion durch die Produzenten selbst vor allem um Organisation handelt. Und gerade weil es das Streben der jetzigen Anarchisten ist, die soziale Produktion immer mehr unter den Einfluß der organisierten Arbeiter zu bringen, fördern und verstärken sie jetzt auch überall, neben den Interessenorganisationen (groupements d’intérêts, speziell in den Gewerkschaften vertreten), die revolutionären Gruppen, in denen unmittelbar die modernen anarchistischen Prinzipien propagiert werden (groupements d’opinion). Sie tun dies um durchzusetzen, daß auch im praktischen Klassenkampf die Arbeiterorganisationen sich in kommunistischer Richtung weiter entwickeln.

Die freiheitliche Organisation dieser Gruppen schließt dabei weder einen regionalen oder nationalen, noch auch selbst einen internationalen Verband zwischen den Gruppen aus, wie schon bemerkt wurde. Jetzt bestehen schon libertärkommunistische oder anarchistische nationale Föderationen10 in Deutschland, Böhmen, Holland, Belgien, England, der französischen Schweiz, Portugal. Sie sind in Vorbereitung in anderen Ländern, wie in den Vereinigten Staaten. Provinziale Föderationen gibt es in Frankreich und Italien. Endlich hatte der internationale Kongreß in Amsterdam die Frage zu diskutieren, bis zu welchem Punkte die modern anarchistischen Prinzipien mit den Verpflichtungen eines internationalen Verbandes zusammengehen können und wurde daselbst die Gründung eines Internationalen Anarchistischen Bureaus beschlossen, das seinen Sitz in London hat.

Was nun die Darlegung der künftigen Evolution der anarchistischen Bewegung anbetrifft, möchte ich mir die strengsten Restriktionen vorbehalten. Wäre ich ein Philosoph aus der Schule Hegels, dann wäre die Lösung bald gefunden. In einer Enquete, die der Mercure de France über die Evolution der Religion unternommen hat und in der die enquêteurs sich an die verschiedensten Personen gewandt haben, ob sie kompetent waren in Sachen der Religionsgeschichte oder nicht, liest man das Urteil eines Literaten, zugleich eines Schülers Hegels (natürlich eines Russen) der in einer einzigen Denkzauberformel das Rätsel der Evolution aller Religion gelöst hat:

»Toute Evolution passe par trois moments objectifs correspondant A trois moments subjectifs du developpement dialectique; au debut, c’est l’unité primitive, integrale, inferieure, la confusion de principes contraires, puis c’est la sèparation, la differenciation de ces principes, enfin vient leur union ulterieure, leur integration parfaite en un type superieur d’evolution. These, Antithese, Synthese«11.

Nichts wäre mir leichter als betreffend des Anarchismus schnell mit einer derartigen dialektischen Konklusion fertig zu werden. Im Anfang gab es in der Tat (siehe oben) eine primitive, inferiore Einheit in der anarchistischen und selbst in der ganzen sozialistischen Bewegung (die Sozialdemokratie mit einbegriffen) und die Konfusion der meist verschiedenen Meinungen war ihr prägnantester Charakterzug. In allen Ländern kam danach die »Scheidung«, erst zwischen der parlamentarischen Sozialdemokratie, die sich immer mehr zum Staatssozialismus bekannte und der antiparlamentarischen Arbeiterbewegung; danach, in den letzten Jahren, auch zwischen den Individualisten und den Kommunisten, den Antisyndikalisten und den Syndikalisten, oder wie man es auch sonst in den verschiedenen Ländern nennen mag. Aber eben das genauere Studium des Sozialismus und Anarchismus mahnt zur Vorsicht mit der dialektischen Konklusion über die Notwendigkeit einer »späteren Einigung«. Treiben wir keine Metaphysik. Die wissenschaftlichen Forschungen auf jedem Gebiet haben uns zu deutlich bewiesen, daß nicht »jede Evolution« die gleichen Phasen durchmacht, wofür doch auch Natur und Gesellschaft zu verschiedenartig und zu komplex in ihren Formen sind. Auf dem Gebiet der Religionswissenschaft hat eben die naive Auf-fassung, daß die Religionsund Kultusprobleme auf dialektischem und sogenannt »rationellem« Wege gelöst werden können, viele Jahrzehnte lang den wahrhaft wissenschaftlichen und experimentellen Forschungen geschadet.

Was nun die sozialistische und anarchistische Bewegung anbetrifft, ist es gewiß ratsam, die Frage einer späteren höheren »Synthese« gleichfalls ganz beiseite zu lassen und vielmehr den Nachdruck darauf zu legen, daß hier von einer allgemeinen und konfusen Oppositionsbewegung verschiedene Zweigbewegungen sich losgetrennt haben, deren Repräsentanten ihre eigene Entwicklung fortsetzen, und die sich vielfach jetzt, da sie einmal getrennt sind, sich untereinander mit gleicher Heftigkeit befehden, mit der sie die heutige Gesellschaftsordnung bekämpfen: Sozialdemokraten, revolutionäre und antiparlamentarische Kommunisten, Individualisten, Vorkämpfer und Gegner der Gewerkschaftsbewegung, der Genossenschaftsbewegung u.s.w.

Freilich werden auch hier noch viele Mißverständnisse sich allmählich lösen. Und wie, um es nochmals durch ein spezielles Beispiel zu illustrieren, der Kampf zwischen dem Materialismus und dem Idealismus jetzt ein ganz anderer ist als vor etwa einem halben Jahrhundert, weil die materialistische und die idealistische Philosophie sich beiderseits die erfahrene Kritik zu Nutzen gemacht haben, so fangen auch in der Arbeiterbewegung, wo es sich um den Sozialismus handelt, die besten Denker schon an, sich mit einander zu verständigen über die Frage, inwiefern z. B. die Gesetzgebung als aktiver Faktor ins soziale I.eben eingreifen kann und inwiefern sie hinter der direkten Aktion der Massen zurückbleibt. So auch nähert man sich andererseits auch gewiß der Lösung der Frage, inwiefern die individuelle Freiheit jedes Menschen hochgehalten werden soll, unter den heutigen Zivilisationsverhältnissen in den modernen Kulturländern, und inwiefern umgekehrt die Interessen der Kollektivität sich jedem Individuum gebieterisch aufdrängen.

Allein diese Aufklärung der Ideen hebt nicht die Gegensätze der Interessen auf, läßt dadurch die Tatsache des Fortbestehens der jetzigen Spaltung in der sozialistischen Arbeiterbewegung durchaus unberührt, und wird auch in der Zukunft der Entstehung neuer Differenzen nicht vorbeugen können.